Minderheitenrecht

Das Europäische Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten und die Rahmenvereinbarung mit dem Land Hessen

 

Im Jah­re 1995 wur­de das Euro­päi­sche Rah­men­über­ein­kom­men zum Schutz natio­na­ler Min­der­hei­ten beschlos­sen und die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land rati­fi­zier­te es im Jah­re 1997. Es trat zum 1. Febru­ar 1998 in Kraft. Mit dem Abkom­men erkennt die Bun­des­re­pu­blik vier Grup­pen als natio­na­le Min­der­hei­ten an, dar­un­ter die deut­schen Sin­ti und Roma.

In der Prä­am­bel heißt es, dass die Staa­ten „gewillt (sind), die in die­sem Rah­men­über­ein­kom­men nie­der­ge­leg­ten Grund­sät­ze mit­tels inner­staat­li­chen Rechts­vor­schrif­ten und geeig­ne­ter Regie­rungs­po­li­tik zu ver­wirk­li­chen.“

Im März 2014 unter­zeich­ne­te die Hes­si­sche Lan­des­re­gie­rung mit unse­rem Ver­band eine gemein­sa­me Rah­men­ver­ein­ba­rung zur Umset­zung.

Aus­zug aus dem Euro­päi­schen Rah­men­über­ein­kom­men:

Arti­kel 1
Der Schutz und die Rech­te für die natio­na­le Min­der­heit ist Bestand­teil des inter­na­tio­na­len Schut­zes der Men­schen­rech­te.

Arti­kel 4
1. Schutz vor Dis­kri­mi­nie­rung
2. Ver­pflich­tung: Her­stel­lung voll­stän­di­ger Gleich­heit

Arti­kel 5
1. Ver­pflich­tung: Bedin­gun­gen för­dern zur Pfle­ge der Kul­tur

Arti­kel 6
1. För­de­rung des Dia­logs und der Zusam­men­ar­beit

Damit ent­steht für die Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land die Ver­pflich­tung, geeig­ne­te Maß­nah­men ein­zu­lei­ten, um die Ange­hö­ri­gen der natio­na­len Min­der­hei­ten – hier Sin­ti und Roma – vor Dis­kri­mi­nie­run­gen zu schüt­zen, aber auch um sie zu för­dern.

Auf das Land Hes­sen bezo­gen heißt dies, dass sich die hes­si­sche Lan­des­re­gie­rung seit 1998 ver­pflich­tet hat und die hes­si­schen Kom­mu­nen ver­pflich­tet sind, die Grund­sät­ze durch kon­kre­te Maß­nah­men zu rea­li­sie­ren. Aber weder die Lan­des­re­gie­rung noch hes­si­sche Kom­mu­nen haben mit der Inter­es­sen­ver­tre­tung der hes­si­schen Sin­ti und Roma, dem Ver­band Deut­scher Sin­ti und Roma, Lan­des­ver­band Hes­sen, wegen Umset­zung des Abkom­mens Kon­takt auf­ge­nom­men.

Der hes­si­sche Lan­des­ver­band sieht es als sei­ne Auf­ga­be an, im Sin­ne des Abkom­mens tätig zu sein bzw. zu wer­den. Der Lan­des­ver­band möch­te die Ver­ant­wort­li­chen bei der Umset­zung des Abkom­mens unter­stüt­zen.

Auf Lan­des­ebe­ne gab es Gesprä­che mit den Minis­ter­prä­si­den­ten und mit allen Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den im hes­si­schen Land­tag.

Der Lan­des­ver­band hat dar­über hin­aus fol­gen­de hes­si­sche Kom­mu­nen, die Ober­bür­ger­meis­ter bzw. Bür­ger­meis­ter infor­miert und dies, um

a) sie auf das Rah­men­über­ein­kom­men auf­merk­sam zu machen

b) mit den Ver­ant­wort­li­chen ins Gespräch zu kom­men, aber auch, damit wir vor Ort einen Bei­trag zur Umset­zung der Inhal­te des Rah­men­über­ein­kom­mens leis­ten kön­nen.

Es wur­den die Städ­te Mar­burg, Frank­furt, Hanau, Wies­ba­den, Ful­da, Bad Hers­feld, Kas­sel, Offen­bach, Hep­pen­heim, Gie­ßen, Wetz­lar, Bau­na­tal, Bens­heim, Lam­pert­heim, Diet­zen­bach, Wäch­ters­bach, Viern­heim und Als­feld ange­schrie­ben.

Nach­dem der Lan­des­ver­band einen gleich­lau­ten­den Ver­trags­ent­wurf den Kom­mu­nen zuge­sandt hat­te, gab es unter­schied­li­che Reak­tio­nen. Sie reich­ten von Inter­es­se bis zur Gesprächs­be­reit­schaft, bis hin zur Ableh­nung. Eini­ge Volks­ver­tre­ter reagier­ten gar nicht.

Ein Bür­ger­meis­ter sag­te: „Ich wur­de von den … Bür­gern gewählt und mich inter­es­siert über­haupt nicht, was in dem euro­päi­schen Abkom­men steht, bas­ta.“

Fast durch­gän­gig kann gesagt wer­den, dass beim über­wie­gen­den Teil der poli­ti­schen Ver­ant­wort­li­chen in Hes­sen Kennt­nis­se über die Grund­sät­ze des Rah­men­über­ein­kom­mens fehl­ten. Es kann auch gesagt wer­den, dass in Hes­sen die poli­ti­schen Ver­ant­wort­li­chen bis jetzt nicht gewillt sind, ihre Absichts­er­klä­run­gen – ihre eige­nen Grund­sät­ze, die im euro­päi­schen Rah­men­über­ein­kom­men ver­an­kert und rati­fi­ziert sind — für die Ange­hö­ri­gen der natio­na­len Min­der­heit Sin­ti und Roma in Hes­sen anzu­wen­den bzw. umzu­set­zen.

Es ist fest­zu­stel­len: Die in dem Abkom­men zuge­si­cher­te Teil­ha­be der natio­na­len Min­der­heit steht im kla­ren Wider­spruch zur Rea­li­tät. Und: Die­se Tat­sa­che trifft aber nur für die natio­na­le Min­der­heit Sin­ti und Roma zu, denn die ande­ren aner­kann­ten natio­na­len Min­der­hei­ten die Frie­sen, Sor­ben und die däni­sche Min­der­heit wer­den in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land umfas­send aner­kannt.

Der Hes­si­sche Lan­des­ver­band for­dert die ver­trag­li­che Aner­ken­nung und dies nicht nur auf der Basis des euro­päi­schen Rah­men­über­ein­kom­mens, son­dern auch wegen des his­to­risch beding­ten beson­de­ren Ver­hält­nis­ses zwi­schen Mehr­heit und Min­der­heit, denn anders als die ande­ren aner­kann­ten Min­der­hei­ten waren Sin­ti und Roma Opfer der Völ­ker­mord­po­li­tik des Natio­nal­so­zia­lis­mus.

Im Zusam­men­hang mit dem Min­der­hei­ten­schutz ist im Darm­städ­ter Echo vom 8. Febru­ar 2007 doku­men­tiert: „Woher, wenn nicht aus Deutsch­land, soll­ten die Impul­se gegen eine neu­er­li­che Dis­kri­mi­nie­rung von Min­der­hei­ten kom­men“, so Bun­des­prä­si­dent Horst Köh­ler am Ran­de des Besuchs des Doku­men­ta­ti­ons­zen­trums deut­scher Sin­ti und Roma.

Mehr als 10 Jah­re nach der Rati­fi­zie­rung will der Lan­des­ver­band die hes­si­sche Öffent­lich­keit auf die Inhal­te des Abkom­mens auf­merk­sam machen. Dar­über hin­aus ist es an der Zeit, dass die Öffent­lich­keit den poli­ti­schen Ver­ant­wort­li­chen Fra­gen stellt, was getan wur­de, um Chan­cen­gleich­heit zwi­schen Ange­hö­ri­gen der natio­na­len Min­der­heit in Hes­sen und der Mehr­heits­be­völ­ke­rung zu errei­chen. Dadurch wird expli­zit von der Lan­des­re­gie­rung fest­ge­stellt, dass es eine Ungleich­heit im Land Hes­sen gibt und die­se Rea­li­tät will bzw. soll­te das Land Hes­sen durch ver­pflich­ten­de Maß­nah­men behe­ben.

Viel­leicht ist auch zu fra­gen:

  • Haben die Lan­des­re­gie­run­gen die Grund­sät­ze des Rah­men­über­ein­kom­mens – seit 1998 — umge­setzt bzw. wel­che kon­kre­te Schrit­te wur­den unter­nom­men, um ihrem eige­nen Wil­len gerecht wer­den zu kön­nen bzw. ihre Ver­pflich­tun­gen in der Rea­li­tät umzu­set­zen?
  • Wur­den im hes­si­schen Land­tag die Inhal­te des euro­päi­schen Rah­men­über­ein­kom­mens vor­ge­stellt bzw. wur­de über die dar­in ent­hal­te­nen Grund­sät­ze und Ver­pflich­tun­gen dis­ku­tiert?

Die glei­chen Fra­gen sind selbst­ver­ständ­lich auch an die Ver­ant­wort­li­chen im kom­mu­na­len Bereich zu stel­len.

Zur wei­te­ren Infor­ma­ti­on:

Arnold Roß­berg: Aner­ken­nung und Teil­ha­be oder Kon­ti­nui­tät der Aus­gren­zung — Die Umset­zung des euro­päi­schen Rah­men­über­ein­kom­mens zum Schutz natio­na­ler Min­der­hei­ten in Hes­sen. Gering­fü­gig gekürz­tes Ein­füh­rungs­state­ment zur Podi­ums­dis­kus­si­on in Frank­furt am 20. Juni 2005

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