Antiziganismus

Udo Engbring-Romang

Antiziganismus:  Begriff, Idee, Funktion und Umsetzung (2006)

 

Fragen

  • Was ist Anti­zi­ga­nis­mus? Was sind die Wur­zeln des „Zigeu­ner­has­ses“?
  • In wel­chen gesell­schaft­li­chen Berei­chen wur­den die Bil­der geschaf­fen und in die Mehr­heits­be­völ­ke­rung trans­por­tiert?
  • Wel­che Funk­tio­nen erfüll­ten und erfül­len die „Zigeu­ner­bil­der“ in Ver­gan­gen­heit und Gegen­wart?
  • Was steckt hin­ter den Vor­ur­tei­len und Res­sen­ti­ments, die für Sin­ti und Roma Dis­kri­mi­nie­run­gen, Aus­gren­zun­gen und Ver­fol­gun­gen bedeu­te­ten und noch heu­te den Boden für offe­ne und ver­steck­te Gewalt gegen die­se Min­der­heit berei­ten?

Thesen zum Antiziganismus

  1. Anti­zi­ga­nis­mus ist ganz all­ge­mein die Abwehr­hal­tung der Mehr­heits­be­völ­ke­rung gegen Sin­ti und Roma; er reicht von Vor­ur­tei­len und Res­sen­ti­ments bis zur mas­si­ven Ver­fol­gung und endet im Völ­ker­mord.
  2. Anti­zi­ga­nis­mus beinhal­tet Res­sen­ti­ments und Vor­ur­tei­le gegen Sin­ti und Roma, die auf Zigeu­ner­bil­dern auf­bau­en, die auf die Men­schen der Min­der­heit über­tra­gen wur­den und wer­den.
  3. Anti­zi­ga­nis­mus ist Teil einer Poli­tik, die Dis­kri­mi­nie­rungs- und Ver­fol­gungs­ak­tio­nen gegen Sin­ti und Roma umsetzt.
  4. Anti­zi­ga­nis­mus ist seit Jahr­hun­der­ten, seit­dem Sin­ti und Roma in Euro­pa leben, Teil unse­rer Gesell­schaft und durch ihn wer­den Men­schen bewusst, oft auch unbe­wusst ver­letzt und dis­kri­mi­niert.
  5. Anti­zi­ga­nis­mus ist eine Denk­wei­se, die die­se Men­schen als „fremd”, „müßig­gän­ge­risch”, „musi­ka­lisch“ und „frei”, „pri­mi­tiv“, „archa­isch“, „kul­tur­los“ oder „kri­mi­nell“, „noma­disch’“ und „moder­ni­sie­rungs­re­sis­tent“ kenn­zeich­net, um nur eini­ge Merk­ma­le zu nen­nen.
  6. Anti­zi­ga­nis­mus rich­tet sich gegen eine eth­ni­sche Min­der­heit, der ein sol­ches Ver­hal­ten als unver­än­der­li­che Wesens­art unter­stellt wird.
  7. Anti­zi­ga­nis­mus ist eine bis heu­te in der heu­ti­gen Gesell­schaft durch­aus akzep­tier­te Grund­hal­tung vie­ler Men­schen gegen­über Sin­ti und Roma. Die­se Grund­hal­tung macht es unmög­lich, die rea­len Men­schen zu erken­nen und sie führt zu mas­si­ven Dis­kri­mi­nie­run­gen der Min­der­heit. Damit lässt sich auch der Anti­zi­ga­nis­mus als Teil des kul­tu­rel­len Codes der deut­schen – der west­li­chen — Gesell­schaft deu­ten.
  8. Anti­zi­ga­nis­mus beinhal­tet oft Pro­jek­tio­nen gedeu­tet, in denen das eige­ne Wol­len und die eige­nen Wün­sche dem „Ande­ren“ unter­stellt wer­den. Im Antiz­ga­nis­mus fin­det sich auch der Aus­druck des eige­nen „frem­den“ Ichs, das im Rah­men der Mehr­heits­ge­sell­schaft nicht gelebt wer­den darf .Anti­zi­ga­nis­mus ist damit eine Abwehr­hal­tung gegen­über den eige­nen indi­vi­du­el­len Wün­schen. Für die Pro­jek­ti­on ste­hen alte Zigeu­ner­bil­der zur Ver­fü­gung, denen aber je nach gesell­schaft­li­cher Gege­ben­heit, neue Bil­der gefun­den wer­den kön­nen.
  9. Der gegen­wär­ti­ge Anti­zi­ga­nis­mus ist mehr ein Pro­dukt der Ver­gan­gen­heit als der Gegen­wart. Daher soll­ten sich gera­de His­to­ri­ker mit der Ent­ste­hung und Ent­wick­lung der anti­zi­ga­nis­ti­schen Vor­ur­tei­le beschäf­ti­gen und ver­su­chen, zu ihrer Über­win­dung bei­zu­tra­gen. Vor­ur­tei­le sind mit Krank­hei­ten zu ver­glei­chen. Wenn man weiß, wann und war­um sie ent­stan­den sind, weiß man meist auch, wie man sie hei­len und besei­ti­gen kann.“ (W. Wip­per­mann)
  10. Selbst gut mei­nen­de Men­schen neh­men Sin­ti und Roma oft noch als Frem­de wahr, weil sie nicht wis­sen und nicht wahr­ha­ben wol­len, dass die Sin­ti und Roma seit über 600 Jah­ren einen Teil der euro­päi­schen Bevöl­ke­run­gen aus­ma­chen. Anti­zi­ga­nis­ti­sches Ver­hal­ten eines Teils der Mehr­heits­be­völ­ke­rung wird dann gedeu­tet als beson­de­re Form der Frem­den- und Aus­län­der­feind­lich­keit. Damit neh­men auch die­se Men­schen Sin­ti und Roma unbe­wusst oder auf bewusst als „Frem­de“ war.

Unser Wis­sen über das Leben der Sin­ti und Roma in der Ver­gan­gen­heit ist aber sehr begrenzt, da es kei­ne eige­nen, selbst ver­fass­ten Schrift­quel­len gibt. Alle Infor­ma­tio­nen, die es heu­te gibt, wur­den von Nichts­in­ti und -Roma gesam­melt und wei­ter gege­ben.

Auf dem Bal­kan, in Ungarn und in Grie­chen­land waren Sin­ti und Roma über Jahr­hun­dert sess­haft – in den Städ­ten als Hand­wer­ker, auf dem Land als Vieh­züch­ter und manch­mal auch als Bau­ern, viel­fach bis zur Mit­te des 19. Jahr­hun­derts als Leib­ei­ge­ne. Von den vor­mals leib­ei­ge­nen Roma sind seit den 1860er Jah­ren eini­ge nach Mit­tel­eu­ro­pa ein­ge­wan­dert. Die Anzahl der Roma, die aus Ost­eu­ro­pa nach Mit­tel­eu­ro­pa emi­grier­ten, war klein, wur­de aber von den poli­tisch Ver­ant­wort­li­chen auf­ge­bauscht.

Es gibt heu­te zahl­rei­che, von­ein­an­der unter­schie­den Grup­pen von Roma und Sin­ti. Heu­te leben in Deutsch­land ca. 70.000 Sin­ti und Roma, und viel­leicht 7.000 in Hes­sen. Dazu kom­men noch eini­ge Tau­sen­de von Roma, die nicht die deut­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit haben.

Zigeuner“-Bilder

Grund­la­ge des anti­zi­ga­nis­ti­schen Ver­hal­tens und der anti­zi­ga­nis­ti­schen Poli­tik sind die ver­schie­de­nen Zigeu­ner­bil­der, die es seit der ers­ten Ein­wan­de­rungs­wel­le gibt.

Seit dem 18. Jahr­hun­dert sind die „Zigeu­ner­bil­der“ viel­schich­tig. Wur­den die Sin­ti zu Beginn der Neu­zeit als „Hei­den“ (=Frem­de) oder „Aus­kund­schaf­ter“ (=Spio­ne für die Tür­ken) dar­ge­stellt, so wur­den sie zunächst zu den „Vaga­bun­den“, dann nach­dem sie ein oder zwei Jahr­hun­der­te in Mit­tel­eu­ro­pa leb­ten, zu den „kri­mi­nel­len Zigeu­nern”. Bei die­sem letzt­ge­nann­ten Bild wird – zum Teil bis heu­te — immer auf his­to­ri­sche Räu­ber­ban­den des 17. und 18. Jahr­hun­derts ver­wie­sen. Dabei ist es nicht von Bedeu­tung, ob ein­zel­ne Sin­ti mit dem Gesetz in Kon­flikt gera­ten waren. Aber die Taten oder die ver­meint­li­chen Taten Ein­zel­ner wur­den dazu genutzt, um damit die­se Min­der­heit an sich zu kri­mi­na­li­sie­ren. Nach dem volks­tüm­li­chen Mot­to „Kennt man einen, kennt man alle” wur­de die Merk­mals­be­schrei­bung um einen wei­te­ren Aspekt erwei­tert.

Im Zeit­al­ter einer begin­nen­den Cha­rak­te­ri­sie­rung der Völ­ker und Volks­grup­pen hat­te dies die fata­le Wir­kung, dass den „Zigeu­nern” nun auch die Kri­mi­na­li­tät als Cha­rak­ter­zug zuge­schrie­ben wur­de.

Das gelehr­te Publi­kum wuss­te auch schon, ohne mit den rea­len Ange­hö­ri­gen der Min­der­heit Kon­takt gehabt zu haben, was die „Zigeu­ner” sind, näm­lich Die­be und Hell­se­her und dass „ihr Leben […] aus Bet­teln, Steh­len, Betrü­gen und Rau­ben“ bestehe, so schrieb ein frü­her Chro­nist. Schon vor mehr als 300 Jah­ren ent­wi­ckel­ten Wis­sen­schaft­ler, Schrift­stel­ler und Künst­ler Vor­stel­lun­gen vom Leben und Wesen der „Zigeu­ner”.

Sie nah­men Bil­der auf und ver­ar­bei­te­ten sie zu Kli­schees, die bis heu­te bestim­mend sind:

  • Roman­ti­sches, frei­es, natur­na­hes „Zigeuner“leben
  • Dämo­nisch-ver­füh­re­ri­sche, dämo­nisch-wis­sen­de Frau­en
  • Noma­den­tum
  • Kri­mi­na­li­tät
  • Fremd­heit

Romantisierung

Die Roman­ti­sie­rung und Sti­li­sie­rung der Sin­ti und Roma zum „edlen Wil­den”, wie sie seit Johann Wolf­gang Goe­the (Götz von Ber­li­chin­gen: “Nacht im wil­den Wald”) in Kunst und Kitsch zu fin­den ist, nimmt einen Wan­del in der Gesell­schaft auf. Gezeich­net ird ein Bild benei­dens­wer­ter Exo­ten, unbe­rührt von den Ent­frem­dun­gen der moder­nen Zivi­li­sa­ti­on. Den zivi­li­sier­ten – aber unfrei­en – Unter­ta­nen und Völ­kern Euro­pas wur­de die „Frei­heit“ der angeb­lich unge­bun­de­nen „Zigeu­ner“ gegen­über­ge­stellt.

Die­ses Bild gab es im 18. Jahr­hun­dert, und es wur­de immer wie­der in der Lite­ra­tur und der Musik, nicht zuletzt auch in der Popu­lar­mu­sik immer wie­der bemüht. Die­se Roman­ti­sie­rung hat nichts mit dem rea­len Leben der Sin­ti und Roma zu tun, denn es kann wohl nicht sein, dass sich Men­schen sich wirk­lich frei füh­len könn­ten, wenn sie in gro­ßem Maßen sehr umfang­rei­chen, zum Teil rigo­ro­sen Ver­fol­gungs­maß­nah­men aus­ge­setzt sind.

Dämonisierung

Neben der Roman­ti­sie­rung des „Zigeu­ner­le­bens“ wur­den und wer­den die Sin­ti und Roma immer wie­der mit dem Über­na­tür­li­chen in Ver­bin­dung gebracht, zumeist die Sin­tez­za, die jun­ge, als ver­füh­re­risch ange­se­he­ne „Zigeu­ner­frau“ oder die alte, hexen­ähn­li­che alte „Zigeu­ner­frau.“

In die­se Bil­der wur­de pro­ji­ziert, was im bür­ger­li­chen Leben tabui­siert oder an den Rand gerückt war:

Natür­lich­keit, Unge­bun­den­heit von Zeit und Raum, Wild­heit, Magie, Natur­ver­bun­den­heit.

So blie­ben „Zigeu­ne­rin­nen“ in der Lite­ra­tur und Kunst auf ein Reper­toire weni­ger Ver­hal­tens­wei­sen beschränkt, die in bestimm­ten Typen ver­kör­pert waren:

  • Das schö­ne und sexu­ell ver­füh­re­ri­sche Zigeu­ner­mäd­chen, glut­äu­gig, schwarz­haa­rig und unfä­hig, dau­er­haf­te Lie­bes­be­zie­hun­gen ein­zu­ge­hen.
  • Die alte wahr­sa­gen­de Zigeu­ne­rin, hexen­gleich, Trä­ge­rin magi­scher Kräf­te.

Diebstahl im Blick“ ?

Der angeb­lich vaga­bun­die­ren­de Zigeu­ner wird dar­ge­stellt als räu­be­risch und frei, sit­ten­los und gefähr­lich – vor allem als kri­mi­nell; auch hier sind es viel­fach die Frau­en, die als Anstif­te­rin­nen dar­ge­stellt wur­den.

Hängt die Wäsche ab, die Zigeu­ner kom­men“, war ein Satz, der noch in den 1950er und 1960er Jah­ren fiel.

Passt auf die Kin­der auf …“ ein ande­rer Satz, der noch bis zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts Sin­ti und Roma als ver­meint­li­che Kin­der­räu­ber dar­stell­te – ohne jeden Beweis – ohne began­ge­ne Straf­tat oder Ver­ur­tei­lung, aber mit nach­hal­tig nega­ti­ver Wir­kung. Dabei waren es eher die Behör­den seit dem 18. Jahr­hun­dert, die Sin­ti- und Roma-Kin­der ihren Eltern fort­nah­men – und zumin­dest damit droh­ten, damit die­se Kin­der „bes­ser“ erzo­gen wer­den soll­ten.

Versprechung und Entlastung

Das Bild vom Zigeu­ner stand in Kon­trast zum ange­streb­ten bür­ger­li­chen Selbst-ver­ständ­nis in einer zuneh­mend for­mier­ten und indus­tria­li­sier­ten Gesell­schaft.

Muße, Zeit­ver­geu­dung und zweck­frei­er Genuss gal­ten und gel­ten oft als schwe­re Sün­de. Dis­zi­plin und Arbeit gal­ten und gel­ten als „Selbst­zweck des Lebens.

Die Unzu­frie­den­heit, die aus die­sen Zwän­gen folg­te, wur­de mit dem Kli­schee­bild des Zigeu­ners in Ver­bin­dung gebracht. Im „Zigeu­ner“ lie­ßen und las­sen sich glei­cher­ma­ßen Sehn­süch­te nach dem „Frei­en“ als auch Ängs­te vor dem Frem­den zusam­men­brin­gen.

Über die Jahr­hun­der­te waren Sin­ti und Roma, die nicht zuletzt im 19. und frü­hen 20. Jahr­hun­dert als Pfer­de­händ­ler, als Musi­ker, Schau­spie­ler und Pup­pen­spie­ler oder als Schau­stel­ler auf­tra­ten, Mitt­ler von Aben­teu­er, Aus­ge­las­sen­heit und Sin­nes­freu­de ein­mal ger­ne gese­hen – wäh­rend der Kir­mes oder wäh­rend der Jahr­markt­ta­ge.

Aber es über­wo­gen die Feind­bil­der des Frem­den. Die „Zigeu­ner“ hat­ten bei Mark­ten­de zu zie­hen.

Die Aufnahme in Mitteleuropa … wurde ihnen verweigert.

Die Zigeu­ner­bil­der ent­stan­den par­al­lel zu ihrer Ein­wan­de­rung.

Die Sin­ti und Roma stam­men ursprüng­lich aus Indi­en. Sie wan­der­ten im 8. Jahr­hun­dert über Grie­chen­land und den Bal­kan nach Mit­tel-, West- und Nord­eu­ro­pa. Hin­ter­grund war kein – ihnen unter­stell­ter – Wan­der­trieb, son­dern sie waren durch Krie­ge, Ver­fol­gung, Ver­trei­bung oder aus wirt­schaft­li­cher Not dazu gezwun­gen. Die Migra­ti­on der Sin­ti und Roma von Indi­en bis nach Mit­tel­eu­ro­pa dau­er­te über 500 Jah­re.

Die Anwe­sen­heit von Sin­ti in Deutsch­land wur­de 1407 erst­mals urkund­lich erwähnt. Es war für eine mas­sen­haft emp­fun­de­ne Ein­wan­de­rung der fal­sche Zeit-punkt, denn die Zeit des 15. und 16. Jahr­hun­derts war in Euro­pa eine Zeit des Umbruchs. Ent­de­ckun­gen und Erfin­dun­gen, ein neu­es Men­schen­bild, wirt­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen, Bedro­hungs­ge­füh­le und der offen­sicht­li­che Ver­fall der Auto­ri­tä­ten Papst und Kai­ser mach­ten es schwie­rig, „Frem­de“ in die Gesell­schaf­ten zu inte­grie­ren.

Die­se Gesell­schaft bestand aus Land­be­woh­nern, die ihren Boden meist noch nicht ver­las­sen durf­ten, aus Städ­tern, die ihren Ort nicht ver­las­sen woll­ten und aus Men­schen, die mobil sein muss­ten und die in der Regel nir­gend­wo ein Nie­der­las­sungs­recht hat­ten.

Zu der letz­ten Grup­pe gehör­ten auch die meis­ten Sin­ti. Als christ­li­che Pil­ger und Büßer wur­den sie gedul­det, zum Teil sogar unter­stützt. Ein Schutz­brief des Kai­sers Sigis­mund aus dem Jah­re 1423 bil­lig­te ihr Umher­zie­hen, gestand ihnen – nicht unüb­lich im Mit­tel­al­ter — sogar eine eige­ne Gerichts­bar­keit zu, bot ihnen aber kei-nen Platz zur Sied­lung.

Die Sin­ti und Roma waren in Euro­pa die „neu­en Frem­den“. Sie unter­schie­den sich von den Ein­hei­mi­schen im Aus­se­hen, in ihren kul­tu­rel­len Tra­di­tio­nen und durch die Spra­che, durch das Roma­nes.

Sie wur­den als „Tar­ta­ren“, als Ägyp­ter oder als „Hei­den“ bezeich­net. Ab dem 14. /15. Jahr­hun­dert wer­den sie „Cin­ga­ri” oder „Volk des Pha­ra­os” genannt, ins Deut­sche über­tra­gen als „Zigeu­ner”.

Gleich­zei­tig for­mier­te sich seit dem 16. Jahr­hun­dert eine Gesell­schaft, die sich in der Wirt­schaft immer stär­ker über abhän­gi­ge, fremd­be­stimm­te Erwerbs­ar­beit, Fleiß und Dis­zi­plin defi­nier­te. Von die­ser Gesell­schaft waren sie aus­ge­schlos­sen. Die Edik­te gegen die „Zigeu­ner“ und Zigeu­ner­stö­cke spre­chen eine deut­li­che Spra­che.

Zigeu­ner“ ist immer – noch oder schon wie­der — eine dis­kri­mi­nie­rend gemein­te Fremd­be­zeich­nung, deren sich vie­le Men­schen der Mehr­heits­be­völ­ke­rung und auch Publi­zis­ten bedie­nen oder auch bewusst bedie­nen wol­len. Sie fin­den immer einen Gewährs­mann in der Geschich­te, in der Lite­ra­tur oder durch ein Indi­vi­du­um aus der Min­der­heit, das die Bil­der bestä­tigt.

Spionage für die Türken ? Vorwurf und Vorwand für Verfolgung

Die mit­tel­eu­ro­päi­schen Herr­schaf­ten wur­den seit dem 15. Jahr­hun­dert durch die Groß­macht­an­sprü­che des Osma­ni­schen Rei­ches bedroht. Der Fall des Ost­rö­mi­schen Rei­ches mit der Erobe­rung Kon­stan­ti­no­pels 1453 durch die „Tür­ken“ – wie es hieß – beleg­te dies für vie­le Zeit­ge­nos­sen.

Men­schen, die offen­kun­dig aus dem Osten nach Mit­tel­eu­ro­pa gelang­ten, waren damit sehr schnell ver­däch­tigt, die Erobe­rung durch die Tür­ken vor­zu­be­rei­ten. Hin­wei­se dar­auf, dass die Men­schen vor den Tür­ken eher geflo­hen waren, wur­den nicht ein­mal wahr­ge­nom­men.

Wie die Zigeuner…“

Im Jah­re 1543 ver­fass­te Mar­tin Luther die Schrift „Von den Juden und ihren Lügen“. Bei Luther schlug die Ent­täu­schung über die geschei­ter­te Bekeh­rung in offe­nen Hass gegen die Juden um. Nicht nur hier droh­te der Refor­ma­tor, dass es den Juden so erge­hen kön­ne „wie den Zigeu­nern“

Mar­tin Luther drück­te hier deut­lich aus, was man in sei­nem Publi­kum schon wuss­te: „Zigeu­ner“ gal­ten als die Woh­nungs­lo­sen und die Ver­trie­be­nen

Luther schau­te dem Volk auf‘s Maul und gab sei­nen Anhän­gern einen „tre­wen rat“.

Erst­lich, daß man ihre Syn­ago­ge oder Schu­len mit Feu­er anste­cke und, was nicht ver­bren­nen will, mit Erde über­häu­fe und beschüt­te, daß kein Mensch einen Stein oder Schla­cke davon sehe ewig­lich. Und sol­ches soll man tun, unse­rem Herrn und der Chris­ten­heit zu Ehren, damit Gott sehe, daß wir Chris­ten sei­en und öffent­lich Lügen, Flu­chen und Läs­tern sei­nes Soh­nes und sei­ner Chris­ten wis­sent­lich nicht gedul­det noch gewil­li­get haben. (…)

Zum ande­ren, daß man auch ihre Häu­ser des­glei­chen zer­bre­che und zer­stö­re. Denn sie trei­ben eben­das­sel­bi­ge dar­in­nen, was sie in ihren Schu­len trei­ben. Dafür mag man sie etwa unter ein Dach oder Stall tun, wie die Zigeu­ner, auf daß sie wis­sen, sie sei­en nicht Herrn in unse­rem Lan­de. (…)“

Absolutismus: Edikte

Den Herr­schaf­ten in Euro­pa gelang es nicht, sich der Bevöl­ke­rungs­grup­pe zu ent-ledi­gen. Gleich­zei­tig erho­ben vor allem im Hei­li­gen Römi­schen Reich seit dem 16. Jahr­hun­dert die Lan­des­her­ren Anspruch, zumin­dest in ihren Ter­ri­to­ri­en, ihre poli­ti­schen Vor­stel­lun­gen durch­zu­set­zen, gegen stän­di­sche Inter­es­sen. In den ein­zel­nen abso­lu­tis­tisch regier­ten Ter­ri­to­ri­en war kein Platz für abwei­chen­des Ver­hal­ten, das Selb­stän­dig­keit oder Frei­heit beinhal­te­te oder Frei­heit ver­sprach. Das bezog sich auf Adli­ge und ihre Vor­rech­te, Bür­ger und ihre selbst­be­wuss­ten Macht­an­sprü­che, aber auch auf alle „Fah­ren­den“: Es traf aber die Sin­ti am stärks­ten, weil sie zum Inbe­griff der unbot­mä­ßi­gen, unnüt­zen Frei­heit wur­den. Die Sin­ti als „Zigeu­ner“ dien­ten in vie­len Edik­ten abso­lu­tis­ti­scher Herr­schaft als nega­ti­ves Bild für den rea­len, aber nicht akzep­tier­te Zustand der Gesell­schaft, als Aus­druck der Herr­schafts­lo­sig­keit.

Die schein­ba­re „Frei­heit“ der nicht orts­ge­bun­de­nen Men­schen, sei­en sie Chris­ten oder Juden, Lands­knech­te oder Klein­händ­ler, Künst­ler oder eben Sin­ti wider­sprach den Vor­stel­lung von Ord­nung seit dem 16. und 17. Jahr­hun­dert. Alle die­se Men­schen soll­ten zu gehor­sa­men und arbeit­sa­men Unter­ta­nen gemacht wer­den. Die abso­lu­tis­ti­schen Herr­schaf­ten gin­gen des­halb rigi­de gegen alle Abwei­chun­gen von ihren poli­ti­schen und gesell­schaft­li­chen Vor­stel­lun­gen vor.

Mit dem Mit­tel der guten „Poli­cey“ soll­ten schließ­lich die „Zigeu­ner aus­ge­rot­tet“ wer­den, das heißt ihre Rot­te, ihr Grup­pen­zu­sam­men­halt, soll­te zer­stört wer­den. Die Brand­mar­kung — Ein­bren­nen eines Zei­chens oder Buch­sta­bens auf die Haut — war eine Mög­lich­keit zur Kenn­zeich­nung der „Zigeu­ner”. Ein zwei­tes Auf­tre­ten als „Zigeu­ner“ in der Regi­on konn­te den Tod bedeu­ten.

Zur Abschre­ckung wur­den zudem von Gemein­den soge­nann­te „Zigeu­ner­stö­cke” auf­ge­stellt, das waren zum Teil Gal­gen mit einer Tafel, auf der zu lesen war: Straff für Zigeu­ner.

Die „bürgerliche Verbesserung“ im Namen der Aufklärung fand nicht statt.

Im Zeit­al­ter der Auf­klä­rung nah­men Phi­lo­so­phen und Poli­ti­ker Abstand vom Mit­tel-alter. Das Ziel der per­ma­nen­ten Ver­bes­se­rung oder Zivi­li­sie­rung des Men­schen, nicht zuletzt über Erzie­hung, stand auf der Tages­ord­nung. Die angeb­li­che „bür­ger­li­che Ver­bes­se­rung“ für Frau­en, Juden und „Zigeu­ner“ bedeu­te­te nicht zuletzt An-pas­sung an bür­ger­li­che Nor­men.

Die bedin­gungs­lo­se Anpas­sung der Min­der­heit an die Mehr­heit wur­de von so ge-nann­ten auf­ge­klär­ten, abso­lu­ten Herr­schern – wie Kai­ser Joseph II. – ver­sucht. Sie schei­ter­te unter ande­rem bei den Sin­ti und Roma, weil die Fami­li­en aus­ein­an­der geris­sen und ihre Mut­ter­spra­che ver­bo­ten wur­den.

Das hat­te zur Kon­se­quenz:

  • die Kom­mu­ni­ka­ti­on der Min­der­heit mit der Mehr­heits­be­völ­ke­rung wur­de in der Regel auf ein Mini­mum redu­ziert,
  • das Zusam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl der Min­der­heit wur­de gestärkt bezie­hungs­wei­se not­wen­dig, um als Grup­pe über­le­ben zu kön­nen.

Die Maß­nah­men gegen die Sin­ti und Roma blie­ben ohne die erwar­te­te Wir­kung, denn die Unter­drü­ckung durch das Mili­tär und die ent­ste­hen­de Poli­zei war lücken­haft. Die Poli­tik der Zwangs­an­sied­lung schei­ter­te.

Die deut­schen Klein­staa­ten such­ten fort­an ihre „zigeuner“feindlichen Bestim­mun­gen zu erwei­tern und die poli­zei­li­chen Kon­trol­len zu ver­stär­ken.

Die Auf­klä­rung oder bes­ser eini­ge Wis­sen­schaft­ler, die sich der Auf­klä­rung ver­pflich­tet sahen, leg­ten auf Grund die­ser Erfah­run­gen schließ­lich die Grund­la­ge für den ras­sis­ti­schen Anti­zi­ga­nis­mus. Die „Exper­ten“ aus der Wis­sen­schaft, selbs­ter-nann­te „Zigeu­ner­ex­per­ten“ began­nen pseu­do­wis­sen­schaft­lich über die Sin­ti und Roma zu schrei­ben. Als Bei­spiel wird auf Hein­rich Moritz Gott­lieb Grell­mann, gebo­ren 1756, gestor­ben 1804, Pro­fes­sor in Göt­tin­gen, ver­wie­sen. Er gilt im deut­schen Sprach­raum als der ers­te wis­sen­schaft­li­che „Zigeu­ner­for­scher“ oder „Zigeu­ner­wis­sen­schaft­ler“. Er for­der­te von den „Zigeu­nern“ wie man­che ande­re „Zigeu­ner­for­scher“ nach ihm Anpas­sung an die „zivi­li­sier­te Volks­men­ge” mit­hil­fe einer päd­ago­gi­schen „Umschaf­fung”, eine Dis­zi­pli­nie­rung über die Erzie­hung, die immer ein­geht mit der Sess­haft­ma­chung. Die­ses Ziel stand im kla­ren Wider­spruch zu den Edik­ten und den Aus­gren­zungs­me­cha­nis­men, aber mit der „Umschaf­fung“ soll­te das Ziel Assi­mi­lie­rung erreicht wer­den.

Grell­manns Begrün­dung des Pro­jekts der „Zigeu­ner-Assi­mi­la­ti­on” stell­te den öko­no­mi­schen Nut­zen und das dar­aus resul­tie­ren­de staat­li­che Inter­es­se an der geplan­ten Umer­zie­hung in den Vor­der­grund. Das Pro­jekt schei­ter­te. Das Pro­jekt­ziel Assi­mi­la­ti­on wur­de nicht infra­ge gestellt, son­dern die „Zigeu­ner“ wur­den zu einem Volk von kul­tur­lo­ser Pri­mi­ti­vi­tät erklärt. Die von Hein­rich Grell­mann mit­be­grün­de­te Zigeu­ner­wis­sen­schaft glaub­te, im Ver­hal­ten der Zigeu­ner Anzei­chen gesell­schafts­ge­fähr­den­der Ver­wahr­lo­sung zu erken­nen, und erklär­te sie zu schließ­lich „sitt­li­chen Unge­heu­ern”.

Die Bezeich­nun­gen, die Grell­mann bringt und die dann end­gül­tig Ein­gang in das enzy­klo­pä­di­sche Wis­sen über „Zigeu­ner“, sprich Sin­ti und Roma, fin­det sind dis­kri­mi­nie­rend, belei­di­gend, bös­ar­tig und ent­sprin­gen eher der Fan­ta­sie einer Man­nes des 18. Jahr­hun­derts als der Rea­li­tät der beschrie­be­nen und nega­tiv bewer­ten­den Men­schen aus der Min­der­heit. Die Denk­struk­tur von Grell­mann war bio­lo­gis­tisch, weil das unter­stell­te Ver­hal­ten nicht als indi­vi­du­el­les Ver­hal­ten bewer­tet son­dern per se zu einem Kul­tur­gut für eine gesam­te Grup­pe erklärt wur­den. Die Grund­la­ge für den Ras­sis­mus war damit gelegt.

Die Begriff­lich­keit, die Grell­mann zur Kenn­zeich­nung der Sin­ti und Roma nutz­te, spre­chen eine ein­deu­ti­ge Spra­che:

  • ers­te Stu­fe der Mensch­heit“ (51)
  • Halb­men­schen (96)
  • Men­schen von kind­li­cher Denk­art (118)
  • Men­schen gelei­tet von den Sin­nen, und nicht vom Ver­stand (118)
  • gott­los (151)
  • Las­ter­haft (151)
  • gie­rig (42)
  • faul — Ableh­nung von Arbeit (84)
  • respekt­los gegen­über frem­den Eigen­tum (84)
  • schmut­zig, des­halb dun­kel­häu­tig (30)
  • im Ver­hält­nis der Geschlech­ter, unor­dent­lich orga­ni­siert
  • eben: Ori­en­ta­len.

Im Ori­gi­nal­ton Grell­manns heißt es dann:
Die Zigeu­ner sind ein Volk des Ori­ents, und haben ori­en­ta­li­sche Denk­art. Rohen Men­schen über­haupt, vor­züg­lich aber den Mor­gen­län­dern ist es eigen, fest an dem zu hän­gen, wozu sie gewöhnt sind. Jede Sit­te […] dau­ert unver­än­dert fort und eine Nei­gung, die ein­mahl in den Gemüt­hern die Ober­hand hat, ist sogar nach Jahr­tau­sen­den noch herr­schend. (3f.)

Sie gel­ten vor allem als „unbe­lehr­bar“:
Oft schien ein Kna­be […] auf dem bes­ten Wege zur Mensch­wer­dung zu seyn, und plötz­lich brach die rohe Natur wie­der her­vor, er gerieth in den Rück­fall und wur­de mit Haut und Haar wie­der Zigeu­ner. (11)

Vor Grell­mann waren schon Rich­ter, Staats­an­wäl­te und auch Phi­lo­so­phen aktiv bei der Suche nach dem „Wesen der Zigeu­ner“. Die Ergeb­nis­se ihrer Unter­su­chun­gen wur­den ver­öf­fent­licht, gele­sen und nicht zuletzt in Lexi­ka zusam­men­ge­fasst, so dass jeder wuss­te, was ein „Zigeu­ner“ ist, wel­che Eigen­schaf­ten er hat, ohne jemals Kon­takt zu Sin­ti und Roma gehabt zu haben.

Der Nationalstaat als Polizeistaat

Die „Zigeu­ner”, die nur im spä­ten Mit­tel­al­ter Son­der­rech­te als Grup­pe gehabt hat­ten, erhiel­ten im Zuge der Eman­zi­pa­ti­ons­be­we­gung des 18. und 19. Jahr­hun­dert als Indi­vi­du­en bür­ger­li­che Rech­te. Damit waren zunächst die „Zigeu­ner” als rea­le oder als ima­gi­nier­te Grup­pe für die meis­ten Obrig­kei­ten kein The­ma mehr. Die Zahl der Zigeu­ner­edik­te nahm des­halb in der ers­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts ab

Aufkommen des Nationalismus und seine Folgen

Die Idee der deut­schen Bluts­ge­mein­schaft war zwar seit Beginn des 19. Jahr­hun­dert von frü­hen völ­ki­schen Ideo­lo­gen wie Ernst Moritz Arndt nach 1815 immer wie­der pro­pa­giert wor­den, hat­te sich aber noch nicht im Staats­recht durch­ge­setzt. Erst mit dem Reichs­bür­ger­ge­setz aus dem Jah­re 1913 setz­te sich das ius san­gui­nis durch.

Für Sin­ti galt grund­sätz­lich zunächst der Geburts­ort als Hei­mat­ort, oder Sin­ti, die in deut­schen Län­dern gebo­ren waren, hat­ten die Staats­an­ge­hö­rig­keit des deut­schen Lan­des. Mit der stär­ke­ren Ver­brei­tung des Her­kunfts­prin­zips (Bluts­prin­zip) waren Juden, Polen und Sin­ti und Roma bedroht, ihre deut­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit zu ver­lie­ren, wenn sie ihren Geburts­ort in Deutsch­land nicht nach­wei­sen konn­ten.

Um aber die Zahl der soge­nann­ten „Zigeu­ner” redu­zie­ren zu kön­nen, began­nen die Behör­den sehr früh mit der Unter­schei­dung zwi­schen inlän­di­schen und aus­län­di­schen „Zigeu­nern“:

  • Inlän­di­sche Zigeu­ner” wur­den inner­halb Deutsch­lands in ihr jewei­li­ges Hei­mat­land ver­scho­ben, von Preu­ßen nach Hes­sen, von Würt­tem­berg nach Bay­ern und so wei­ter,
  • Aus­län­di­sche Zigeu­ner” soll­ten nicht ins Land gelas­sen wer­den oder ins Aus­land wie­der abge­scho­ben wer­den.

Gegen die ein­ge­wan­der­ten Roma wur­den über­all Rund­schrei­ben for­mu­liert, kei­ne Geset­ze, so dass die­se Fra­ge als Ver­wal­tungs­an­ge­le­gen­heit gese­hen wur­de.

Ausgrenzung durch Polizeiverordnungen zur Vertreibung der Sinti und Roma

Im aus­ge­hen­den Mit­tel­al­ter und in der frü­hen Neu­zeit wur­den „Frem­de“, so auch die Sin­ti und Roma, nicht zu den meis­ten Hand­wer­ken zuge­las­sen. Die Zünf­te und Innun­gen ver­hin­der­ten ihnen den Zugang.

Nach Auf­lö­sung der Zünf­te im 18. Jahr­hun­dert und nach Ein­füh­rung der Gewer­be­frei­heit nutz­ten Sin­ti und Roma im Ver­lau­fe des 19. Jahr­hun­derts zum Teil — auch aus der Not gebo­ren — gesell­schaft­li­che und öko­no­mi­sche Nischen, um als Pfer­de­händ­ler, Händ­ler ganz all­ge­mein, Hand­wer­ker, Zir­kus­leu­te und Schau­stel­ler, als Musi­ker, auch als Gei­gen­bau­er, um nur eini­ge Berufs­zwei­ge zu nen­nen, zu arbei­ten. Vie­le die­ser Gewer­be wur­den haupt­säch­lich ambu­lant betrie­ben, und zwar vom Früh­jahr bis zum Herbst. In den Win­ter­mo­na­ten wur­den in der Regel ent­we­der fes­te Stell­plät­ze für Wohn­wa­gen auf­ge­sucht oder die Sin­ti und Roma wohn­ten in gemie­te­ten oder gekauf­ten Häu­sern. Neben den ehe­mals tra­di­tio­nel­len Beru­fen sind ver­mehrt auch Sin­ti und Roma in abhän­gi­gen Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­sen, zum Bei­spiel als Fabrik­ar­bei­ter, nach­weis­bar.

Nicht­deut­sche Sin­ti und Roma durf­ten dem ambu­lan­ten Han­del nicht nach­ge­hen, und die deut­schen Sin­ti und Roma wur­den mit ver­schie­de­nen Anfor­de­run­gen kon­fron­tiert:

  1. Eine Unzahl von Per­so­nal- und Rei­se­pa­pie­ren abge­for­dert.
  2.  Das Rei­sen und Ras­ten „in Hor­den” war ihnen unter­sagt.
  3. Die Ertei­lung eines Wan­der­ge­wer­be­schei­nes wur­de viel­fach mit schi­ka­nö­sen Auf­la­gen ver­bun­den.
  4. In Bay­ern wur­de 1899 ein Zigeu­ner­nach­rich­ten­dienst ein­ge­rich­tet. Dies hat­te Vor­bild­funk­ti­on in ande­ren Län­dern des Rei­ches.
  5. Die Erfas­sung der Sin­ti und Roma durch die Mün­che­ner Nach­rich­ten­stel­le war für die wei­te­re Ver­fol­gungs­ge­schich­te wesent­lich.

Weni­ge Mona­te nach der Ver­öf­fent­li­chung des soge­nann­ten „Zigeu­ner­bu­ches” der Mün­che­ner Kri­mi­nal­po­li­zei erließ der Minis­ter des Innern des Staa­tes Preu­ßen und spä­te­re Reichs­kanz­ler v. Beth­mann-Holl­weg am 17. Febru­ar 1906 die „Anwei­sung zur Bekämp­fung des Zigeu­ner­un­we­sens“.

Die hes­si­schen Kreis­äm­ter wur­den zu Beginn des 20. Jahr­hun­derts ver­pflich­tet, alle „Zigeu­ner” mit hes­si­scher Staats­an­ge­hö­rig­keit zu notie­ren. Das war nichts weni­ger als eine Son­de­rer­fas­sung ohne gesetz­li­che Grund­la­ge. Die­se wur­de ergänzt durch eine Auf­lis­tung mit den Namen der­je­ni­gen „Zigeu­ner”, denen der Wan­der­ge­wer­be­schein ver­wei­gert wor­den war. Auf kom­mu­na­ler Ebe­ne wur­den ent­spre­chen­de Poli­zei­ver­ord­nun­gen ver­öf­fent­licht, die die Sin­ti und Roma nach­hal­tig dis­kri­mi­nier­ten.

Ein Haupt­au­gen­merk wur­de auf das soge­nann­te Rei­sen in Hor­den gelegt. Eine „Hor­de” war kei­ne Ansamm­lung von Hun­der­ten von Men­schen, wie man anneh­men könn­te, son­dern eine „Hor­de” im Sin­ne der dama­li­gen Recht­spre­chung war eine Grup­pe von mehr als zwei Fami­li­en mit Wagen. Dem Ermes­sen der Gen­dar­men oblag es, zwei oder drei Ein­zel­rei­sen­de, die nicht nahe ver­wandt waren, als „Hor­de” anzu­se­hen. Aus jeder Grup­pe von Sin­ti und Roma oder jeder grö­ße­ren Fami­lie, die im ambu­lan­ten Gewer­be tätig war, wur­de sehr schnell eine „Zigeu­ner­ban­de”, womit die­sen von vorn­her­ein kri­mi­nel­le Absich­ten unter­stellt wur­den. Nach­ge­ord­ne­te Behör­den, vor allem die Bür­ger­meis­te­rei­en, wur­den immer wie­der dar­auf hin­ge­wie­sen, gera­de die­se Bestim­mun­gen des Rei­sens in Hor­den zu kon­trol­lie­ren. Ein Ziel die­ser Geset­ze und Ver­ord­nun­gen war es, den ambu­lan­ten Han­del ein­zu­schrän­ken, wozu es wie­der­um der Über­wa­chung — noch mehr Poli­zei — bedurf­te.

Von den Poli­zei- und Ord­nungs­be­hör­den wur­de die­se Anwei­sung bis 1936, zum Teil bis 1938, immer wie­der her­an­ge­zo­gen, um „Zigeu­ner” bzw. Sin­ti und Roma zu ver­fol­gen.

Antiziganismus im demokratischen Rechtsstaat

Die bür­ger­lich-demo­kra­ti­schen Grund­ord­nung der Wei­ma­rer Repu­blik brach­te kei­ne recht­li­che Ver­bes­se­rung für die Sin­ti und Roma als Grup­pe. Sin­ti und Roma blie­ben als Grup­pe und auch als Indi­vi­du­en dis­kri­mi­niert, den Geset­ze und Anord­nun­gen gegen sie blie­ben in Kraft. Im Gegen­teil, die Aus­gren­zungs-, Dis­kri­mi­nie­rungs- und Erfas­sungs­po­li­tik wur­den von den Behör­den immer wei­ter per­fek­tio­niert. Bay­ern über­nahm bzw. behielt eine gewis­se Vor­rei­ter­rol­le. Mit den damals neu­es­ten Metho­den der wis­sen­schaft­li­chen Kri­mi­na­lis­tik, Foto­gra­fie und Dak­ty­lo­gra­phie, wur­den hier nicht Schwer­ver­bre­cher oder Hoch­ver­rä­ter erfasst, son­dern eine Grup­pe von Men­schen, die per se als poten­ti­ell kri­mi­nell betrach­tet wur­den — unab­hän­gig von ihrem Alter. Die auf die­se Wei­se erstell­ten Mate­ria­li­en konn­ten spä­ter von den Natio­nal­so­zia­lis­ten über­nom­men wer­den.

Auch Preu­ßen und der Volks­staat Hes­sen ver­füg­ten 1927 die Durch­füh­rung des „Fin­ger­ab­druck­ver­fah­rens von Zigeu­nern”. Allein in Preu­ßen wur­den rund 17.000 Bögen zur Fin­ger­ab­druck­nah­me ver­teilt und rund 8.000 Fin­ger­ab­drü­cke abge­nom­men. Bis zum Jah­re 1928 waren schon rund 14.000 „Zigeu­ner” mit Lebens­da­ten, Licht­bil­dern und Fin­ger­ab­drü­cken erken­nungs­dienst­lich — ohne Rechts­grund­la­ge – zen­tral erfasst.

Nicht nur auf Län­der­ebe­ne wur­de eine anti­zi­ga­nis­ti­sche Poli­tik ver­foch­ten, son­dern auch ein­zel­ne Kom­mu­nen erho­ben Ende der 20er Jah­re ent­spre­chen­de For­de­run­gen:

  • Ein­schrän­kung der Gewer­be­frei­heit,
  • Ver­bot des ambu­lan­ten Gewer­bes aus­schließ­lich für Sin­ti und Roma,
  • Ver­ein­heit­li­chung der „Zigeu­ner­po­li­tik”.

Kom­mu­nal­spit­zen­ver­bän­de ver­such­ten über Umfra­gen 1929 und 1930 ein Bedro­hungs­sze­na­rio zu schaf­fen, um Sin­ti und Roma ent­we­der ver­trei­ben oder inter­nie­ren zu kön­nen. Staat­li­che Inte­gra­ti­ons­po­li­tik war ein Fremd­wort.

Fallbeispiel: Ein demokratischer Politiker

Im Jah­re 1929, knapp drei Jah­re nach einer reichs­wei­ten Ver­ein­ba­rung über eine gemein­sa­me „Zigeu­ner­po­li­tik”, leg­te der dama­li­ge hes­si­sche Innen­mi­nis­ter und spä­te­re Wider­stands­kämp­fer gegen das NS-Regime Wil­helm Leu­sch­ner (SPD) das „Gesetz zur Bekämp­fung des Zigeu­ner­un­we­sens“ dem Land­tag des Volks­staa­tes Hes­sen zur Ver­ab­schie­dung vor. Das Gesetz wur­de am 21. März 1929 in Ers­ter und Zwei­ter Lesung ver­ab­schie­det und trat am 3. April 1929 in Kraft. Der ein­zi­ge Wider­spruch im Land­tag kam von dem Abge­ord­ne­ten der Kom­mu­nis­ti­schen Par­tei Deutsch­lands, von der Schmitt, der das Gesetz zu Recht als „ein aus­ge­spro­che­nes Aus­nah­me­ge­setz“ bezeich­ne-te, das nicht mit dem Wesens­ge­halt der Wei­ma­rer Ver­fas­sung über­ein­stimm­te.

In der Begrün­dung für das Gesetz ver­sprach Wil­helm Leu­sch­ner, die „Zigeu­ner­pla­ge“ als dau­ern­de Gefähr­dung der öffent­li­chen Sicher­heit und Ord­nung einer ein­heit­li­chen Bekämp­fung zuzu­füh­ren, da trotz ener­gi­schen Vor­ge­hens eine Aus­rot-tung des Übels bis­her nicht mög­lich. Schließ­lich mach­te das hes­si­sche „Zigeu­ner­ge­setz” die Aus­übung eines Wan­der­ge­wer­bes in Hes­sen von einer beson­de­ren Erlaub­nis abhän­gig, die an die Reichs­an­ge­hö­rig­keit und den Besitz einer amt­li­chen Beschei­ni­gung über eine erfolg­te erken­nungs­dienst­li­che Behand­lung gebun­den war. Die­ses Gesetz, das gegen die Wei­ma­rer Ver­fas­sung ver­stieß, soll­te wie­der­um und aus­schließ­lich für Sin­ti und Roma gel­ten. Mit der gene­rel­len erken­nungs­dienst­li­chen Behand­lung der Sin­ti und Roma in Hes­sen waren die ras­sis­tisch begrün­de­te Kri­mi­na­li­sie­rung und glei­cher­ma­ßen die Total­er­fas­sung der Sin­ti und Roma gesetz­lich nach­träg­lich abge­si­chert wor­den. Mit den Aus­füh­rungs­be­stim­mun­gen zum „Zigeu­ner­ge­setz” wur­de auch ein „Nach­rich­ten­dienst” in Hes­sen errich­tet, über den die Stan­des­äm­ter zum Bei­spiel jede Ein­tra­gung über die Geburt, den Tod oder die Hei­rat eines Men­schen, der als ”Zigeu­ner” ein­ge­ord­net wer­den konn­te, nach Darm­stadt an die ”Zen­tral­stel­le” mel­den soll­te.

Sinti und Roma im NS-Staat

Rassismus

Nach der Macht­über­tra­gung auf die Natio­nal­so­zia­lis­ten im Janu­ar 1933 streb­te die NS-Regie­rung an, ihr Ide­al einer ras­sis­tisch begrün­de­ten Volks­ge­mein­schaft zu ver­wirk­li­chen. Aus den Sin­ti und Roma und aus den Juden mach­te die NS-Pro­pa­gan­da „Unter­men­schen”, die es zu ver­trei­ben, zu ver­ja­gen, letzt­lich zu ver­nich­ten galt. Gegen­über den Sin­ti und Roma konn­ten die Natio­nal­so­zia­lis­ten zunächst zum Teil an die Gesetz­ge­bung des Kai­ser­reichs und der Wei­ma­rer Repu­blik anknüp­fen.

Die Nürnberger Gesetze …

Es ent­sprach dem natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ras­sis­mus, dass den Sin­ti und Roma 1936 gemäß der Bestim­mun­gen der soge­nann­ten „Nürn­ber­ger Geset­ze als “Art­frem­den” die Ehe­schlie­ßung mit “Deutsch­blü­ti­gen” ver­bo­ten wur­de. Sin­ti und Roma gehör­ten dem­nach per Gesetz ab Novem­ber 1935 als soge­nann­te „Art­frem­de” nicht mehr der deut­schen Volks­ge­mein­schaft an. In einem der maß­geb­li­chen Kom­men­ta­re zu den Geset­zen hieß es dann: „Art­frem­den Blu­tes sind in Euro­pa regel­mä­ßig nur Juden und Zigeuner.“Damit war den Sin­ti und Roma wie den Juden unter ande­rem auch das Wahl­recht ent­zo­gen.

Etwa gleich­zei­tig mit der Degra­die­rung der Sin­ti und Roma zu Staats­bür­gern zwei­ter Klas­se durch das Reichs­bür­ger­ge­setz wur­den Ehen zwi­schen Mit­glie­dern der Min­der­heits- und Mehr­heits­be­völ­ke­rung durch das Blut­schutz­ge­setz ver­bo­ten. Die Stan­des­be­am­ten wur­den ange­wie­sen, Ehen zu unter­bin­den, wenn sie erfuh­ren, dass einer der zukünf­ti­gen Ehe­part­ner nicht „rein­blü­ti­ger Deut­scher” war. Wenn ein Stan­des­be­am­ter nur den Ver­dacht heg­te, dass einer der Part­ner „zigeu­ne­ri­scher” Her­kunft war, konn­te er die Ehe­schlie­ßung ver­zö­gern. Dies war schon mög­lich, bevor die Sin­ti und Roma als Grup­pe von den Ras­sen­for­schern erfasst und regis­triert waren. Das Mit­tel der Über­prü­fung war die Her­bei­brin­gung von Ehe­taug­lich­keits­zeug­nis­sen, mit deren Hil­fe dann die Ehe­be­fä­hi­gung fest­ge­stellt oder im Ein­zel­fall bestrit­ten wur­de. Als Ableh­nungs­grund wur­de die „nich­tari­sche” Abs­tam-mung genannt.

Das heißt, dass spä­tes­tens seit 1935/36 die Sin­ti und Roma als Volks­grup­pe, als Min­der­heit, per Gesetz­ge­bung in die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Ras­sen­po­li­tik ein­be­zo­gen waren.

Hetze in der Presse

Par­al­lel zur kon­ti­nu­ier­li­chen Ver­schär­fung der „Zigeuner”-politik wur­den in der weit­ge­hend zen­tral gelenk­ten Pres­se Arti­kel ver­öf­fent­licht, die ers­tens die „Kri­mi­na­li­tät“ der Sin­ti und Roma bewei­sen soll­ten. Sie bedien­ten meis­tens tra­di­tio­nel­le anti­zi­ga­nis­ti­sche Res­sen­ti­ments. Beson­ders im ers­ten Halb­jahr 1936 las­sen sich eine Rei­he von Berich­ten über angeb­li­che Straf­ta­ten von „Zigeu­nern” oder über Ver­bre­chen, die ein­zel­ne began­gen hat­ten oder derer sie nur beschul­digt wur­den. Zum zwei­ten hat­te die Arti­kel die Funk­ti­on, auf die „Fremd­ras­sig­keit“ der Sin­ti und Roma hin­zu­wei­sen.

Zentralisierung der Polizei

Die Zen­tra­li­sie­rung der Poli­zei unter der Füh­rung der SS im Reichs­in­nen­mi­nis­te­ri­um betraf auch die Sin­ti und Roma. Was fehl­te, war die gesetz­li­che Grund­la­ge für zen­tral­staat­li­ches Han­deln gegen die Sin­ti und Roma, ein „Reichs­zi­geu­ner­ge­setz”. Schon im März 1936 hat­te der Ober­re­gie­rungs­rat Karl Zin­del im Reichs­in­nen­mi­nis­te­ri­um „Gedan­ken über den Auf­bau des Reichs­zi­geu­ner­ge­set­zes” for­mu­liert. Der Vor­schlag beinhal­te­te

  • die rest­lo­se Erfas­sung,
  • die Iden­ti­fi­zie­rung jedes erfass­ten Zigeu­ners,
  • die Anla­ge lau­fen­der Per­so­nal­ak­ten.

und dies, um die­se Per­so­nen­grup­pe, der ein „Wan­der­trieb” unter­stellt wur­de, lü-cken­los über­wa­chen, gege­be­nen­falls abschie­ben zu kön­nen.
Die­se Gedan­ken­gän­ge waren zwar durch und durch ras­sis­tisch; sie lie­fer­ten aber das Instru­men­ta­ri­um zur spä­te­ren voll­stän­di­gen Erfas­sung, die die Grund­la­ge für die Depor­ta­tio­nen war. Durch den Erlass vom 17. Juni 1936 wur­de Hein­rich Himm­ler, Reichs­füh­rer der SS, zum Chef der deut­schen Poli­zei im Reichs­mi­nis­te­ri­um des Innern ernannt. Mit Himm­ler stand nun ein Ver­tre­ter der ras­sis­ti­schen Ord­nungs­po­li­tik und Bevöl­ke­rungs­po­li­tik an der Spit­ze aller Poli­zei­or­ga­ni­sa­tio­nen. Der Über­gang zu einer aus­schließ­lich ras­sen­po­li­tisch gepräg­ten „Zigeu­ner­po­li­tik” war damit voll­zo­gen, der auf einer Besei­ti­gung des „Lebens nach Zigeu­ner­art”, das heißt auf die Aus­schal­tung eines als fremd ange­se­he­nen Ver­hal­tens, und der Besei­ti­gung der „Zigeu­ner”, der Sin­ti und Roma, hin­aus­lief.

Die Aktion „ASR

Hin­ter dem Kür­zel „ASR“ ver­barg sich die NS-Poli­zei­ak­ti­on „Arbeits­scheu Reich” bzw. „Arbeits­zwang Reich”. Offi­zi­ell rich­te­ten sich die Fahn­dun­gen gegen soge­nann­te „Arbeits­scheue” im Sin­ne der natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ord­nung. Das waren sowohl Men­schen, die sich zum Bei­spiel wei­ger­ten in bestimm­ten Betrie­ben zu arbei­ten als auch die­je­ni­gen, die zum Bei­spiel frei­be­ruf­lich als Musi­ker, Korb­ma­cher oder Händ­ler tätig waren und blei­ben woll­ten. In die­se Ver­fol­gungs­ak­ti­on waren auch Sin­ti und Roma reichs­weit ein­be­zo­gen.

Die deut­sche Kri­mi­nal­po­li­zei ging in der Woche vom 13. bis zum 18. Juni 1938 gegen die­se soge­nann­ten „Aso­zia­len” im Rah­men der „Vor­beu­gen­den Ver­bre­chens­be­kämp­fung“ vor, wie es in der offi­zi­el­len Begrün­dung hieß.

Hier­bei wur­den meh­re­re Zie­le der NS-Poli­tik mit­ein­an­der ver­knüpft:

  • Lösung des Pro­blems des Arbeits­kräf­te­man­gels,
  • Ver­schär­fung der Stra­te­gie gegen die soge­nann­ten „Art­frem­den”
  • Ein­schüch­te­rung der Mehr­heits­be­völ­ke­rung
  • Befrie­di­gung des Law- and Order-Gedan­kens

Die­se Akti­on, die sich auch gegen Sin­ti und Roma rich­te­te, war zwar eine durch­aus ras­sis­tisch begrün­de­te Poli­zei­ak­ti­on, stand aber auch von ihrem Selbst­ver­ständ­nis noch in der Tra­di­ti­on der alten poli­zei­li­chen Pra­xis gegen Men­schen, die man als „Zigeu­ner” betrach­te­te. Sie mar­kiert einen wei­te­ren Schritt in der Über­gangs­pha­se zur rein ras­sis­ti­schen Erfas­sungs-, Ver­trei­bungs- und Ver­nich­tungs­po­li­tik der Natio­nal­so­zia­lis­ten nach 1938.  Über 10.000 Män­ner, dar­un­ter eine nicht bekann­te Zahl von Sin­ti und Roma, wur-den fest­ge­nom­men und in die Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Sach­sen­hau­sen, Buchen­wald und Dach­au ver­bracht. Man­che ver­blei­ben dort bis zur Befrei­ung 1945 – ande­re über­leb­ten die Lager­haft nicht.

Der „Westabschub“

Par­al­lel zu den Ver­fol­gungs­ak­tio­nen der SS ver­such­ten auch ein­zel­ne NS-Poli­ti­ker durch Maß­nah­men gegen Sin­ti und Roma sich zu pro­fi­lie­ren. Der Regie­rungs­prä­si­dent von Wies­ba­den ver­an­lass­te am 21. Juli 1938 die Abschie­bung alle Sin­ti und Roma aus den West­pro­vin­zen des Deut­schen Rei­ches. Als Vor­wand dien­te der alte Vor­wurf der Spio­na­ge. Erst­mals im 20. Jahr­hun­dert soll­ten alle Sin­ti und Roma ver­trie­ben wer­den. Das Abschie­be­ziel war der „Osten“, das hieß auch der hes­si­sche Raum, Thü­rin­gen oder Ber­lin.
Mit Last­wa­gen wur­den eini­ge Hun­der­te Sin­ti und Roma von Ort zu Ort ver­bracht, zunächst in Rich­tung Osten, dann von Ber­lin und Thü­rin­gen wie­der zurück. Etwa 150 Sin­ti und Roma aus den west­li­chen Regio­nen Deutsch­lands muss­ten im Hers­fel­der Raum, in Ful­da und in Frank­furt blei­ben. Dies war der Über­gang von den soge­nann­ten „Ein­zel­lö­sun­gen“ zu den zen­tral orga­ni­sier­ten Depor­ta­tio­nen.

Der Einfluss der „Zigeuner“forschung bei der Vorbereitung des Völkermordes

Seit 1936 wur­de unter der Lei­tung des Ner­ven­arz­tes Dr. Dr. Robert Rit­ter die „Zigeu­ner­for­schung“ an der Schnitt­stel­le zwi­schen Reichs­ge­sund­heits­amt und Reichs­kri­mi­nal­po­li­zei zen­tra­li­siert. Die von ihm gelei­te­te For­schungs­stel­le setz­te sich zum Ziel, jeden „Zigeu­ner“ im Lan­de auf­zu­spü­ren und nach sei­ner Abstam­mung zu befra­gen. Auf die­se Wei­se soll­ten lücken­lo­se Genea­lo­gi­en erstellt wer­den, mit deren Hil­fe „Gau­ner­tum”, “getarn­ter Schwach­sinn” sowie „kri­mi­nel­le und ver­bre­che­ri­sche Nei­gun­gen” den Sin­ti und Roma zuge­schrie­ben und als “urtüm­li­che ererb­te Instink­te” aus­ge­legt wer­den.

Gutachterliche Äußerungen

Eine der Haupt­auf­ga­ben der Ras­se­nygie­ni­schen For­schungs­stel­le war die mög­lichst lücken­lo­se Erfas­sung der soge­nann­ten „Zigeu­ner und Zigeu­ner­misch­lin­ge“ in Deutsch­land. Bis zum Beginn des Jah­res 1941 waren in Deutsch­land etwa 20.000 — 30.000 Men­schen nament­lich erfasst und kata­lo­gi­siert. Die Auf­de­ckung und Erfas­sung der Zigeu­ner­stäm­me und der angeb­li­chen Misch­lings­grup­pen, so der Lei­ter der For­schungs­stel­le, war nicht wis­sen­schaft­li­cher Selbst­zweck, son­dern dien­ten bewusst dazu, Unter­la­gen für die in Kür­ze zu erwar­ten­den ein­schnei­den­den Maß­nah­men gegen Sin­ti und Roma bereit­zu­stel­len. Rit­ter schrieb Anfang 1940 von weit­rei­chen­den Eva­ku­ie­rungs­maß­nah­men, das hieß Ver­trei­bung oder Ver­schlep­pung.

Rit­ters „For­schun­gen“ und die sei­nes Sta­bes kreis­ten um die Fra­ge,

  • wer als „Zigeu­ner und Zigeu­ner­misch­ling“
  • wie aus der ras­sis­tisch defi­nier­ten deut­schen Volks­ge­mein­schaft aus­zu­gren­zen sei.

Aus­ge­hend von soge­nann­ten „ras­sen­bio­lo­gi­schen“ und „bas­tard­bio­lo­gi­schen Theo­ri­en“ such­te er nach mess­ba­ren Ergeb­nis­sen, die die Unter­le­gen­heit der eth­ni­schen Min­der­heit bele­gen soll­ten. Vor allem sei­ne Mit­ar­bei­te­rin­nen tru­gen Ergeb­nis­se über Nasen­län­ge, Ohren­grö­ße, Kopf­grö­ße etc. der deut­schen Sin­ti und Roma zusam­men. Wesent­lich wich­ti­ger war aber, dass bei die­sen durch die Kri­mi­nal­po­li­zei gelei­te­ten Unter­su­chun­gen auch Anga­ben über die Ver­wandt­schafts­ver­hält­nis­se gesam­melt wur­den, die die fast voll­stän­di­ge Erfas­sung der Sin­ti und Roma-Bevöl­ke­rung ermög­lich­ten. Rit­ter hat­te immer wie­der kri­ti­siert, dass man „unzäh­li­ge Zigeu­ner … als sol­che nicht erkannt und daher nicht erfasst“ habe. Das heißt, unter dem Vor­wand der anthro­po­lo­gi­schen Unter­su­chun­gen, die kaum ver­wert­ba­re Ergeb­nis­se über die Grup­pen hat­ten, führ­ten die genea­lo­gi­schen Recher­chen zu einer lücken­lo­sen Erfas­sung der Sin­ti und Roma.

Die poli­zei­li­che Erfas­sung

1938/39 wur­de ein kri­mi­nal­po­li­zei­li­cher Appa­rat auf­ge­baut, der eigens der „Zigeu­ner­be­kämp­fung” dien­te. Er erstreck­te sich von der „Reichs­zen­tra­le zur Bekämp­fung des Zigeu­ner­un­we­sens” in Ber­lin bis hin­un­ter zu den Orts­po­li­zei­be­hör­den. Die insti­tu­tio­nel­len Vor­aus­set­zun­gen für eine reichs­ein­heit­li­che Unter­drü­ckung der Sin­ti und Roma waren gege­ben.

Am 8. Dezem­ber 1938 begrün­de­te Hein­rich Himm­ler in sei­nem Rund­erlass, oft als „Grund­er­lass“ zitiert, die wei­te­ren Ver­fol­gungs­maß­nah­men gegen die in Deutsch­land leben­den Sin­ti und Roma. Zunächst soll­ten die 0,03 Pro­zent der deut­schen Bevöl­ke­rung sys­te­ma­tisch erfasst wer­den. Er ver­lang­te zudem eine „Rege­lung der Zigeu­ner­fra­ge aus dem Wesen die­ser Ras­se her­aus”, wie er schrieb. Damit präg­te der moder­ne Ras­sis­mus nun auch die poli­zei­li­che Ver­fol­gung der Sin­ti und Roma.

Festsetzung

Am 17. Okto­ber 1939 ord­ne­te das mitt­ler­wei­le geschaf­fe­ne Reichs­si­cher­heits­haupt­amt an, dass „Zigeu­ner und Zigeu­ner­misch­lin­ge” bis auf wei­te­res ihren Wohn- bzw. Auf­ent­halts­ort nicht mehr ver­las­sen dürf­ten. Durch die­se „Fest­schrei­bung“ wur­de Sin­ti und Roma ihre bis­he­ri­ge Berufs­aus­übung unter­sagt. Gleich­zei­tig wur­den sie vor Ort zur Arbeit ver­pflich­tet mit einer sozi­al-, arbeits- und steu­er­recht­li­chen Schlech­ter­stel­lung gegen­über der Mehr­heits­be­völ­ke­rung.

Konzentrationslagerhaft

Seit 1933 waren Sin­ti und Roma in fast alle ras­sis­tisch begrün­de­ten Ver­fol­gungs­maß­nah­men ein­ge­schlos­sen. Hun­der­te von Sin­ti- und Roma-Män­ner waren 1938 in Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger ver­schleppt wor­den. Mit dem soge­nann­ten Fest­set­zungs­er­lass konn­te jede Über­tre­tung sofort mit der Ein­wei­sung in ein Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger bestraft wer­den. Das betraf Män­ner und Frau­en glei­cher­ma­ßen.

Ausschluss aus der nationalsozialistischen Gesellschaft

Dis­kri­mi­nie­run­gen gab es schon lan­ge für die Sin­ti und Roma in vie­len Tei­len der Gesell­schaft. Auch die Aus­schlie­ßung von Beru­fen war nicht neu. Die Ver­wei­ge­rung von Wan­der­ge­wer­be­schei­nen, die für die Aus­übung aller Arten von ambu­lan­ten Gewer­be und Hand­werk seit dem 19. Jahr­hun­dert not­wen­dig waren, war schon im spä­ten 19. Jahr­hun­dert von Zen­tral­be­hör­den und loka­len Instan­zen immer wie-der erwo­gen wor­den, aber wegen einer rechts­staat­li­chen Ord­nung nicht in ihrer Tota­li­tät umsetz­bar gewe­sen.

Nach 1933 war es dann Behör­den­mit­ar­bei­tern leich­ter mög­lich, aber noch nicht unbe­dingt zwin­gend vor­ge­schrie­ben, einem Sin­to, einer Sin­tez­za oder einem Rom, einer Rom­ni einen Wan­der­ge­wer­be­schein zu ver­wei­gern. Die­je­ni­gen Sin­ti und Roma, die zum Bei­spiel auf eine Regis­trie­rung durch die Reichs­mu­sik­kam­mer ange­wie­sen waren, wur­den zum Teil mit dem Argu­ment, dass sie künst­le­risch nicht hoch­ste­hend musi­zier­ten aus­ge­schlos­sen. Woll­ten sie wei­ter­hin musi­zie­ren, muss­ten sie sich um einen Wan­der­ge­wer­be­schein bemü­hen. Hat­ten sie die­sen erhal­ten, so waren sie ver­pflich­tet für ihre musi­ka­li­schen Dar­bie­tun­gen Ver­gnü­gungs­steu­ern zu zah­len. Ein gene­rel­les Ver­bot des ambu­lan­ten Han­dels für Sin­ti und Roma gab es aller­dings noch nicht, selbst wenn man die immer wie­der ver­ord­ne­te restrik­ti­ve Ver­ga­be­pra­xis für Wan­der­ge­wer­be­schei­ne sieht, die bei­na­he einem Aus­schluss vom ambu­lan­ten Han­del gleich­kam. Als Schau­stel­ler täti­ge Sin­ti und Roma waren eben­falls in ihrer Exis­tenz bedroht, ob nun als Besit­zer eines Wan­der­ki­nos, eines Karus­sells oder von Schieß­bu­den. Aus­schlüs­se aus den Kam­mern bezie­hungs­wei­se Schwie­rig­kei­ten mit den Ver­bän­den, die bis zur Ein­stel­lung der Berufs­tä­tig­keit führ­ten, tra­ten mas­siv um 1937/38 auf. Dra­ma­tisch ver­än­der­te sich die Lage der Sin­ti und Roma, die selb­stän­dig im ambu­lan­ten Gewer­be tätig waren, nach ihrer Fest­set­zung im Okto­ber 1939.

Schule

Sin­ti- und Roma­kin­der wur­den seit den spä­ter 1930er Jah­re immer wie­der im Schul­un­ter­richt oder in Schu­le aus­ge­grenzt. Aber erst 1941 konn­ten Sin­ti- und Roma­kin­der reichs­weit vom Schul­be­such aus­ge­schlos­sen wer­den, wenn sie — wie es in der ent­spre­chen­den Ver­fü­gung hieß — durch ihr Erschei­nen im Unter­richt ande­re Kin­der stör­ten. Bezug genom­men wur­den dabei auf einen Erlass, der seit 1938 im öster­rei­chi­schen Teil des Groß­deut­schen Rei­ches gegen Sin­ti und Roma ange­wandt wer­den konn­te. Was kon­kret „Stö­rung” hieß, blieb nach Erlass­la­ge unklar und wur­de auch nicht wei­ter prä­zi­siert. Es wur­de ein wei­te­rer Aus­schluss­grund genannt: wenn die Sin­ti- und Roma­kin­der eine Gefahr für die ande­ren Schü­ler bil­de­ten, konn­te auch in die-sem Fall wäre ein Aus­schluss erfol­gen. Eine Prä­zi­sie­rung der „Gefahr” war aller­dings nicht im Erlass zu fin­den, es sei denn man inter­pre­tiert den Hin­weis auf sitt­li­che Bezie­hung als eine sol­che mit Bezug auf das Blut­schutz­ge­setz von 1935. Mit ande­ren Wor­ten: die Sin­ti- und Roma­kin­der mit deut­scher Staats­an­ge­hö­rig­keit, die aber offi­zi­ell einer soge­nann­ten „Fremd­ras­se” ange­hör­ten, waren gemäß der zitier­ten Ver­fü­gung zwar nicht zwangs­läu­fig vom Schul­un­ter­richt aus­ge­schlos­sen. Aber es wur­de den Schul­lei­tern die Mög­lich­keit eröff­net, dies zu tun. Es lag also im Ermes­sen der jewei­li­gen Schu­len, der Leh­rer und der Eltern der Nichts­in­tik­in­der, ob die soge­nann­te „Zigeuner”-Kinder vom Schul­be­such aus­ge­schlos­sen wur­den.

Arbeitsleben

Eine Arbeits­pflicht bestand im Drit­ten Reich für alle Men­schen, nicht aller­dings eine freie Berufs­wahl oder Berufs­aus­übung. Die von nicht weni­gen Sin­ti und Roma lan­ge Zeit genutz­te Mög­lich­keit des ambu­lan­ten Han­dels und Hand­wer­kes wur­de zwar von den Natio­nal­so­zia­lis­ten nicht voll­stän­dig ver­bo­ten, aber auf immer weni­ger Per­so­nen beschränkt, unter ande­rem aus dem Grun­de, dass die natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Macht­ha­ber den ambu­lant Berufs­tä­ti­gen sub­ver­si­ve Tätig­kei­ten unter­stell­ten.

Juden wie Sin­ti und Roma wur­den bestimm­te Tätig­keits­mög­lich­kei­ten nach und nach unter­sagt, so dass die Betrof­fe­nen, die sich nicht den Arbeits­äm­tern zur Ver­fü­gung stell­ten, Gefahr lie­fen als „Arbeits­scheue“, „Aso­zia­le“ oder „Arbeits­ver­wei­ge­rer“ ver­folgt zu wer­den. Ab 1939 erhiel­ten Sin­ti und Roma ein eige­nes „Zigeuner“-Arbeitsbuch, ab 1941 muss­ten Sin­ti und Roma Arbeits­ver­pflich­tun­gen unter­schrei­ben. 1942 wur­de auf gesetz­ge­be­ri­schem Wege die arbeits- und sozi­al­recht­li­che Stel­lung von Sin­ti und Roma wesent­lich ver­schlech­tert. Sie soll­ten kei­ne Zula­gen bei Schwerst­ar­beit er-hal­ten, eine „Sozi­al­aus­gleich­ab­ga­be“ zah­len und zudem wur­de noch eine Son­der­steu­er in Höhe von 15 Pro­zent erho­ben.

Militärdienst

Seit Novem­ber 1937 soll­ten gemäß eines ver­trau­li­chen Erlas­ses des Reichs- und Preu­ßi­schen Minis­ters des Innern „voll­blü­ti­ge Zigeu­ner” und Per­so­nen mit „beson­ders auf­fäl­li­gem Ein­schlag von Zigeu­ner­blut” vom akti­ven Wehr­dienst aus­ge­schlos­sen wer­den.

Sin­ti und Roma hat­ten schon im Kai­ser­reich und wäh­rend des Ers­ten Welt­krie­ges in der Armee gedient. Des­halb wur­den zu Kriegs­be­ginn im Sep­tem­ber 1939 die wehr­pflich­ti­gen deut­schen Sin­ti und Roma zum Kriegs­dienst ein­be­ru­fen, oder sie mel­de­ten sich freiwillig.Vielleicht glaub­ten auch Sin­ti und Roma über den Wehr­dienst den Teil der Aner­ken­nung zu bekom­men, der ihnen sonst in der Gesell­schaft meist ver­sagt blieb, wenn sie für ihr deut­sches Vater­land kämpften.Grundlegend änder­te sich die Lage für die Sin­ti und Roma ab dem 14. August 1940. Im Reichs­si­cher­heits­haupt­amt wur­de ein Rund­erlass for­mu­liert, in dem es hieß, dass der Reichs­füh­rer SS, Hein­rich Himm­ler, beab­sich­ti­ge, die weib­li­chen Zigeu­ner und Zigeu­ner­misch­lin­ge grund­sätz­lich vom Arbeits­dienst aus­zu­schlie­ßen.

Der Aus­schluss der soge­nann­ten „fremd­ras­si­schen” Per­so­nen aus der Wehr­macht hat­te schon vier Mona­te frü­her begon­nen. Im Okto­ber 1940 erging ein ent­spre­chen­der Erlass, dass aus bestimm­ten Dienst-stel­len Sin­ti und Roma ent­fernt wer­den soll­ten. Kon­kre­ter Anlass war die Aus­zeich­nung eines Sin­to mit dem EK I, dem Eiser­nen Kreuz, I. Klas­se, gewe­sen. Auf den Fall war der Reichsamts­lei­ter des Reichs­pro­pa­gan­da­mi­nis­te­ri­ums aus der Stadt Ber­le­burg auf­merk­sam gemacht wor­den. Allein aus die­ser klei­nen süd­west­fä-lischen Stadt waren 26 Sin­ti zur Wehr­macht ein­ge­zo­gen wor­den. Vom Reichs­pro-pagan­da­mi­nis­te­ri­um wur­de die Ange­le­gen­heit an den Ver­ant­wort­li­chen für Ras­sen­fra­gen beim Füh­rer her­an­ge­tra­gen. Da es aus der Sicht der Natio­nal­so­zia­lis­ten nicht sein konn­te, dass ein „Fremd­ras­si­ger” höchs­te mili­tä­ri­sche Aus­zeich­nung bekam, wur­de zwi­schen Hit­lers Stab und dem Ober­kom­man­do der Wehr­macht die Über­ein­kunft getrof­fen, dass „Zigeu­ner und Zigeu­ner­misch­lin­ge“ wie „jüdi­sche Misch­lin­ge I. Gra­des“ der Ersatz­re­ser­ve II zuzu­wei­sen sei­en.

Dies ent­sprach der Ver­fü­gung, die im Som­mer 1941 in den ALLGEMEINEN HEERESMITTEILUNGEN ver­öf­fent­licht wur­de und als AHM 41, Ziffer.153 in den Aus­schlie­ßungs­pa­pie­ren der Betrof­fe­nen auf­ge­führt wur­de. Ab 1941 wur­den alle ermit­tel­ten Sin­ti und Roma kon­se­quent aus dem deut­schen Mili­tär ent­fernt.

Internierung

Schon 1928 gab es Frank­furt ein „Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger“ für Sin­ti und Roma, um die­se aus der Innen­stadt zu ver­trei­ben. Das Vor­ha­ben schei­te­te, weil gegen die­se Beschluss der Stadt geklagt wur­de und das Gericht ent­spre­chend der Grund­rech­te der Wei­ma­rer Repu­blik ent­schied. Nach 1936 such­ten Ver­tre­ter der Stadt Frank­furt wie auch in Düs­sel­dorf oder Ber­lin aber­mals nach einer Mög­lich­keit, Sin­ti und Roma zu inter­nie­ren – erfolgreich.Zunächst wur­de in der Frank­fur­ter Die­sel­stra­ße ein „Zigeu­ner­la­ger“ ein­ge­rich­tet, in das Sin­ti und Roma aus Frank­furt, ab 1940 aus Darm­stadt und Mainz, ab 1943 auch unter ande­rem aus dem Dill­kreis ver­bracht wur­den. Zwi­schen 90 und schließ­lich mehr als 200 Men­schen muss­ten in die­sem Lager, das 1942 in die Krupp­stra­ße ver­legt wur­de, unter Bewa­chung, bei dau­ern­den Schi­ka­nen und unter erbärm­li­chen Bedin­gun­gen leben, aber immer mit der Dro­hung in ein Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger, ab 1943 nach Ausch­witz depor­tiert zu wer­den. Im März 1943 wur­de ein Groß­teil der Inter­nier­ten Sin­ti und Roma nach Ausch­witz ver­bracht. Die Abgän­ge wur­den durch neue Zugän­ge ergänzt. In eini­gen ande­ren hes­si­schen Städ­ten wur­den „Zigeu­ner­la­ger“ ein­ge­rich­tet und zum Teil auch poli­zei­lich bewacht. Lager gab es in Wies­ba­den-Biebrich, Kas­sel und Ful­da.

Mai 1940

Acht Mona­te nach der Erfas­sung und Fest­schrei­bung wur­den im Mai 1940 etwa 2.800 Sin­ti und Roma aus Nord­deutsch­land, dem Rhein­land und dem deut­schen Süd­wes­ten nach Polen depor­tiert. Dies soll­te der Beginn der Depor­ta­ti­on aller Sin­ti und Roma aus Deutsch­land und Öster­reich sein.Die Kri­mi­nal­po­li­zei­leit­stel­le Stutt­gart soll­te 500 Per­so­nen benen­nen, dar­un­ter 200 Sin­ti und Roma, die der Kri­po Frank­furt unter­stan­den. Es waren 97 Sin­ti aus Mainz, 71 Sin­ti aus Worms, 9 Sin­ti aus Ingel­heim; die depor­tiert wur­den, 23 Per­so­nen wur­den zurück­ge­las­sen. Unge­fähr 100 Sin­ti aus Wies­ba­den waren eben­falls für eine Depor­ta­ti­on im Mai 1940 vorgesehen.Die Mehr­heit der Depor­tier­ten wur­de in Polen unter SS-Bewa­chung in Zwangs­ar­bei­ter­ko­lon­nen zusam­men­ge­fasst und zum Bau von Mili­tär­ein­rich­tun­gen oder KZs genö­tigt und auch dort inter­niert. Die­se Depor­ta­tio­nen wur­den nach weni­gen Wochen im Som­mer 1940 ein­ge­stellt. Aber die Erfas­sung der Sin­ti und Roma war sehr weit fort­ge­schrit­ten und die deut­schen Behör­den hat­ten bewei­sen, dass sie in der Lage waren, inner­halb kür­zes­ter Zeit vie­le Men­schen „geord­net“ zu depor­tie­ren.

Völkermord

Im Sep­tem­ber 1942 ver­stän­dig­ten sich der Reichs­füh­rer Hein­rich Himm­ler und Jus­tiz­mi­nis­ter Thierack dar­über, dass soge­nann­te „aso­zia­le Ele­men­te aus dem Straf­voll­zug […] Juden, Zigeu­ner, Rus­sen und Ukrai­ner […] an den Reichs­füh­rer SS zur Ver­nich­tung durch Arbeit aus­ge­lie­fert wer­den“ sollten.Gemäß eines Befehls des Reichs­füh­rers-SS vom 16. Dezem­ber 1942 soll­ten die Sin­ti und Roma aus Deutsch­land in das Ver­nich­tungs­la­ger Ausch­witz ver­schleppt wer­den. Am 29. Janu­ar 1943 ver­füg­te das Reichs­si­cher­heits­haupt­amt schließ­lich die Depor­ta­ti­on. Nach den zuvor erstell­ten Erfas­sungs­lis­ten wur­den die Sin­ti und Roma über­all seit Ende Febru­ar, Anfang März 1943 ver­haf­tet, an Sam­mel­stel­len zusam­men­ge­führt und dann in Zügen der Reichs­bahn nach Ausch­witz depor­tiert. Gemäß eines ergän­zen­den Erlas­ses des Reich­mi­nis­ters des Innern vom 26. Janu­ar 1943 wur­de das Eigen­tum der nach Ausch­witz ver­schlepp­ten Per­so­nen für den deut­schen Staat ein­ge­zo­gen

Für die­je­ni­gen „Zigeu­ner­misch­lin­ge”, die nicht nach Ausch­witz depor­tiert wur­den, weil sie etwa mit so genann­ten „Deutsch­blü­ti­gen“ ver­hei­ra­tet waren, war in der Regel die Zwangs­ste­ri­li­sa­ti­on vor­ge­se­hen

Auschwitz

Im „Zigeu­ner­fa­mi­li­en­la­ger” in Ausch­witz-Bir­ken­au wur­den etwa 23.000 Men­schen zusam­men­ge­pfercht. 20.078 der regis­trier­ten Sin­ti und Roma wur­den ermor­det. Drun­ter waren etwa 700 Sin­ti und Roma aus Hes­sen.

Von April bis Juli 1944 wur­den die noch arbeits­fä­hi­gen Sin­ti und Roma in die KZs Buchen­wald, Ravens­brück und Flos­sen­bürg über­stellt und dort zur Skla­ven­ar­beit gezwun­gen. Die Übrig­ge­blie­be­nen und die letz­ten „Neu­zu­gän­ge“ wur­den in der Nacht vom 2. auf den 3. August 1944 ver­gast.

Sterilisierung

Die Besei­ti­gung der „Zigeu­ner“ in Deutsch­land wur­de durch die Depor­ta­ti­on zur Ver­nich­tung in Ausch­witz oder durch „Arbeit“ voll­zo­gen. Aber nicht alle Sin­ti wur­den nach Ausch­witz depor­tiert. Sin­ti, die mit soge­nann­ten „Deutsch­blü­ti­gen“ ver­hei­ra­tet waren, wur­den von der Depor­ta­ti­on aus­ge­nom­men, aber sie wur­den in der Regel – wie auch die meis­ten ihrer Kin­der – zwi­schen 1943 und 1945 unfrucht­bar gemacht. Dazu wur­de in man­chen Fäl­len das schon zuvor gegen Sin­ti und Roma ein­ge­setz­te „Gesetz zur Ver­hü­tung des erb­kran­ken Nach­wuch­ses“ her­an­ge­zo­gen. War eine Per­son von Reichs­kri­mi­nal­po­li­zei­amt in Ber­lin als „Zigeu­ner­misch­ling, 1. Gra­des“ oder als „Zigeu­ner mit ari­schem Ehe­part­ner“ für eine Ste­ri­li­sie­rung erfasst wor­den, ver­an­lass­te das Reichs­in­nen­mi­nis­te­ri­um nach­ge­ord­ne­te Instan­zen, die Ste­ri­li­sie­rung durch­zu­füh­ren. Für die betrof­fe­nen Per­so­nen gab es in der Regel kei­ne Alter­na­ti­ve, als sich der Ope­ra­ti­on zu unter­zie­hen. Kin­der aus die­sen Ehen wur­den mit Errei­chung des 12. Lebens­jah­res eben­falls ste­ri­li­siert.

Befreiung und erneute Diskriminierung

Am 27. Janu­ar 1945 wur­de durch sowje­ti­sche Trup­pen das Ver­nich­tungs- und Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Ausch­witz befreit, in dem sich zu die­sem Zeit­punkt kei­ne Sin­ti und Roma aus Deutsch­land mehr befan­den. Die­se waren zum größ­ten Teil ermor­det wor­den oder sie vege­tier­ten in ande­ren Lagern. Ab Ende März 1945 wur­den dann gro­ße Tei­le Deutsch­lands von den alli­ier­ten Trup­pen besetzt und damit vom Natio­nal­so­zia­lis­mus befreit. Die in den Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern gefan­gen gehal­te­nen Häft­lin­ge, dar­un­ter auch Sin­ti und Roma, muss­ten in die­ser Pha­se des Krie­ges noch damit rech­nen, auf den soge­nann­ten Todes­mär­schen ermor­det zu wer­den.

Die Befrei­ung wur­de sehr unter­schied­lich von den Über­le­ben­den erfah­ren. In vie­len Beschrei­bun­gen wird das Stau­nen deut­lich, dass gera­de sie die Ver­fol­gun­gen über­lebt hat­ten, nicht ihre Ver­wand­ten und Freun­de. Nicht weni­ge star­ben auch noch in den Wochen nach der Befrei­ung an Ent­kräf­tung.

Ab April 1945 kehr­ten die Sin­ti und Roma soweit wie mög­lich in ihre Hei­mat­städ­te zurück, oder wenn sie ihre unmit­tel­ba­ren Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen ver­lo­ren hat­ten, zu Ver­wand­ten oder Freun­den. Zwi­schen Mai und August 1945 waren die Ziel­or­te in der Regel erreicht. Nun galt es für die ein­zel­nen Sin­ti und Roma und ihre Fami­li­en das Leben neu zu orga­ni­sie­ren, denn sie waren nicht nur in die Ver­nich­tungs- und Arbeits­la­ger ver­bracht wor­den, auch ihr Hab und Gut war vor Ort bei ihrer Rück­kehr nicht mehr vor­han­den, nicht mehr auf­find­bar, zer­stört oder auch ver­kauft. Das heißt, vie­le Sin­ti und Roma stan­den vor dem Nichts. Sie hat­ten weder mate­ri­el­le Güter noch ihre Woh­nun­gen, denn sie waren ent­eig­net wor­den. Zunächst stand die Siche­rung der Exis­tenz im Vor­der­grund, spä­ter ging es dann um Wie­der­gut­ma­chung und Ent­schä­di­gung. Aber es zeig­te sich bald, dass mit dem Sieg über den Natio­nal­so­zia­lis­mus der Anti­zi­ga­nis­mus noch weit ver­brei­tet war. Bei den Behör­den wur­den die über­le­ben­den Sin­ti und Roma wie­der­um erfasst. Als Kenn­kar­ten dien­ten bei der Stadt Ful­da zum Bei­spiel die nun­mehr nicht mehr benö­tig­ten Kar­ten für die „Fremd­ar­bei­ter aus Sowjet­ruß­land“. Statt mit einer Aus­weis­num­mer wur­den die Kar­ten mit dem Kür­zel „Zig.“ ver­se­hen. In Bay­ern wur­de die „Zigeu­ner­da­tei“ der Kri­mi­nal­po­li­zei als „Land­fah­rer­kar­tei“ wei­ter­ge­führt. Die täto­wier­te Auschwitz­num­mer wur­de bei Über­len­den des Völ­ker­mor­des auf­ge­nom­men in die­ser Datei auf­ge­nom­men. Die Ver­folg­ten selbst erhiel­ten einen Aus­weis, der ihnen gewis­se Erleich­te­rung im täg­li­chen Leben ermög­li­chen soll­te.

Wiedergutmachung“ und Entschädigungspolitik

1947 ver­fes­tig­te sich der Gedan­ke, dass die Ver­folg­ten des NS-Regimes eine Ent-schä­di­gung erhal­ten soll­ten. Die Ver­folg­ten muss­ten hes­sen­weit ein­heit­li­che Fra­ge­bö­gen aus­fül­len. Die Kri­te­ri­en des Gra­des und der Art der Ver­fol­gung rück­ten in den Mit­tel­punkt, was sich für Zwangs­ste­ri­li­sier­te, aber auch für Sin­ti und Roma nega­tiv aus­wirk­te.

Nach der Ver­ab­schie­dung des Bun­des­ent­schä­di­gungs­ge­set­zes (BEG) ver­än­der­ten sich die gesell­schafts­po­li­ti­schen Rah­men­be­din­gun­gen zu Unguns­ten der als „Zigeu­ner” ver­folg­ten Men­schen. Sie muss­ten größ­te Hin­der­nis­se über­win­den, um ihre berech­tig­ten Ansprü­che durch­zu­set­zen.

Dies gelang ihnen zum Teil erst in den 60er, zum Teil sogar erst in den 80er Jah­ren.

Deut­lich ist,

  • dass in Hes­sen — und wohl auch in ande­ren Bun­des­län­dern — Sin­ti und Roma — anders als Juden — nach 1946 nicht mehr in jedem Fall als ras­sisch Ver­folg­te aner­kannt wur­den,
  • dass sie nach 1946/47 wie­der ver­stärkt mit Dis­kri­mi­nie­run­gen zu leben hat­ten,
  • dass Behör­den bis in die 50er Jah­re bei der Erfas­sung und Abschie­bung auf Geset­ze zurück­grei­fen konn­ten, die wäh­rend des Natio­nal­so­zia­lis­mus for­mu­liert wor­den waren.

Was zunächst noch im Ein­zel­fall als tra­di­tio­nell anti­zi­ga­nis­ti­sche Dis­kri­mi­nie­rung bezeich­net wer­den kann, wei­te­te sich in der Ent­schä­di­gungs- und Wie­der­gut­ma­chungs­fra­ge nach 1952 zum Skan­dal aus, weil zum Bei­spiel die Poli­zei­maß­nah­men gegen Sin­ti und Roma wäh­rend des Natio­nal­so­zia­lis­mus ihres ras­sis­ti­schen Gehalts beraubt wur­den. Das heißt, Sin­ti und Roma gal­ten als zu Recht — wenn auch hart – bestraft. Der Skan­dal wur­de noch grö­ßer, weil Gut­ach­ter im medi­zi­ni­schen Bereich zum Teil iden­tisch waren mit denen, die vor 1943 mit­ge­hol­fen hat­ten, Sin­ti und Roma zu erfas­sen. Ent­spre­chen­des gilt für die Kri­mi­nal­be­am­ten.

Bürgerrechte

Der Skan­dal um die Ent­schä­di­gung der Opfer des Natio­nal­so­zia­lis­mus und die anhal­ten­de Dis­kri­mi­nie­rung von Sin­ti und Roma in der Bun­des­re­pu­blik waren Aus­gangs­punk­te für vor allem jün­ge­re Ver­tre­ter der Sin­ti und Roma, gegen die Miss-stän­de zu pro­tes­tie­ren. Sie orga­ni­sier­ten ihre Inter­es­sen und grün­de­ten u. a. Anfang der 1980er Jah­re die Ver­bän­de Deut­scher Sin­ti und Roma, die im Zen­tral­rat Deut­scher Sin­ti und Roma zusam­men­ge­schlos­sen sind.

Zum Autor:

Dr. Udo Eng­bring-Romang, His­to­ri­ker, Lehr­be­auf­trag­ter in der Erwach­se­nen- und Leh­rer­wei­ter­bil­dung,
Autor meh­re­rer Bücher zum The­ma “Ver­fol­gung der Sin­ti und Roma” und “Anti­zi­ga­nis­mus”, u.a. “Ver­fol­gung der Sin­ti und Roma in Hes­sen zwi­schen 1870 und 1950”, Frank­furt 2001 und Mit-Her­aus­ge­ber der Bän­de 1, 3 und 5 der Bei­trä­ge zur Anti­zi­ga­nis­mus­for­schung

Zum Wei­ter­le­sen:

Emp­feh­lens­wer­te Lite­ra­tur zusam­men­ge­stellt von der Gesell­schaft für Anti­zi­ga­nis­mus­for­schung e.V.

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