Am 22.06.2021 fand im Rahmen des Seminars im Fachbereich Pädagogik des Landesverbandes an der TU Darmstadt ein Workshop mit dem Jugendbildungsprojekt des Förderverein Roma aus Frankfurt statt. Das Seminar ist Teil der Kooperation mit dem demokratie leben Projekt ‘Vielfalt Bildet’.
In dem Workshop wurde die Entwicklung des Jugendbildungsprojektes vorgestellt und deren Bedeutung für die Jugendlichen gezeigt. Gleichzeitig wurden die Möglichkeiten und Grenzen reflektiert.
Von alltäglicher Ausgrenzung bis rechtem Terror — Formen und Struktur des Antiziganismus und Antisemitismus in Deutschland
Im Rahmen des Festival contre le racisme Darmstadt veranstaltete das Projekt “Vielfalt bildet! Rassismuskritische Bildungsarbeit gemeinsam gestalten” ein digitales Podiumsgespräch mit dem Landesverband und der Bildungsstätte Anne Frank.
Ina Hammel (Hessischer Landesverband Dt. Sinti und Roma) und Tom Uhlig (Bildungsstätte Anne Frank) diskutierten über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede von Antisemitismus und Antiziganismus. Die Moderation führte Tatjana Kasatschenko (Vielfalt bildet!).
Antisemitismus und Antiziganismus ergänzen sich im völkischen Weltbild. In beiden Ideologien steckt der Vorwurf der Nicht-Arbeit, welcher der „deutschen Arbeit“ entgegengestellt wird: Die einen würden nicht arbeiten, indem sie sich an der Arbeit anderer bereichern, und die anderen, indem sie den Arbeitenden auf der Tasche lägen. In der Diskussion sollen Gemeinsamkeiten und Unterschiede des antisemitischen bzw. antiziganistischen Ressentiments besprochen werden, insbesondere hinsichtlich des Erinnerns an Shoah und Porajmos.
Für seine Zivilcourage beim Hanauer Anschlag vom 19. Februar 2020 wird Vili Viorel Păun posthum geehrt
Vili Viorel Păun (Foto der Familie Păun)
Am Freitag den 18.Juni, eineinhalb Jahre nach dem Anschlag, wurde Niculescu Păun die Hessische Medaille für Zivilcourage für den außergewöhnlichen Einsatz seines Sohnes Vili Viorel Păun beim Hanauer Anschlag vom 19. Februar überreicht. Vili Viorel Păun hatte den Täter verfolgt und versucht ihn zu blockieren. Am zweiten Anschlagsort wurde er vom Täter in seinem Auto erschossen.
“Vili war mein Held.”, sagte Niculescu Păun dem hessischen Landesverband im Interview. Das Vili ein Held sei, sollten alle wissen, wünschte er sich. Aus diesem Grund und aufgrund seines selbstlosen Engagements zum Schutz von Menschenleben schlug der Landesverband Vili Viorel Păun für die Hessische Medaille vor und freut sich sehr, dass dieser Vorschlag angenommen wurden. Rinaldo Strauß, stv. Geschäftsführer des Hessischen Landesverbandes Deutscher Sinti und Roma nahm an der Veranstaltung teil.
“Vili Viorel Păun hat sich vollkommen selbstlos dafür eingesetzt, den Attentäter von Hanau zu stoppen, um seine Mitmenschen zu schützen. Sein Tod macht uns fassungslos und unendlich traurig.”, begründet der Hessische Ministerpräsident Volker Bouffier die Entscheidung der Landesregierung.
Für den Verein Makista, der sich für Kinderrechte engagiert, haben unsere Mitarbeiterinnen Ina Hammel, Christine Kone und Katharina Rhein einen Artikel verfasst, der sich mit der Bildungssituation und den erschwerten Bedingungen einer gleichberechtigten Durchsetzung des Rechts auf Bildung für Angehörige der Minderheit befasst.
Anna Mettbach (* Januar 1926 in Ulfa (Nidda); † 23. November 2015 in Gießen) wurde als Zeitzeugin bekannt und berichtete vielfach über ihre Erinnerungen an die Zeit der NS-Verfolgung. Für ihr Engagement wurde sie u.a. 2012 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Im Video berichtet sie über ihre zunächst unbeschwerte Kindheit, das Anwachsen der Nazibewegung vor 1933 und die sich unter den Nazis schließlich immer weiter verschärfenden Maßnahmen gegen Sinti, die auch sie und ihre Familie zu spüren bekamen. Als 16jährige wurde sie 1942 verhaftet, weil sie gegen den Festsetzungserlass verstoßen und ohne Genehmigung den Wohnort verlassen hatte, um in Erfahrung zu bringen, was mit der Familie ihrer Mutter geschehen war, die bereits 1940 nach Polen deportiert worden war. Nun wurde auch Anna Mettbach nach Auschwitz deportiert, sie beschreibt ihre Ankunft, das Grauen, das sie miterleben musste, die harte Zwangsarbeit, ihre Angst. Ihren Zustand in Auschwitz-Birkenau II beschreibt sie mit den Worten: “Ich war tot, obwohl ich lebte”. Von Auschwitz wurde Anna Mettbach nach Ravensbrück verlegt und von dort in das Außenlager Wolkenburg. Kurz vor Kriegsende räumte die SS das Lager und die der Todesmarsch in das KZ Dachau begann, hier wurde sie schließlich von der US-Armee befreit.
Am 20.05.2021 hielt Rinaldo Strauß vom Hessischen Landesverband Deutscher Sinti und Roma vor einem politisch engagierten und sehr interessierten Publikum einen Vortrag über die Geschichte des Antiziganismus und seine Auswirkungen bis in die Gegenwart. Im anschließenden Gespräch zeigten die Teilnehmenden eine große Offenheit zur kritischen Auseinandersetzung mit Antiziganismus und Rassismus und es wurde auch über weitere Kooperationsmöglichkeiten gesprochen.
Die beiden Autoren Malte Clausen und Rinaldo Strauß haben ihr Buch im Gespräch mit Romeo Franz und Katharina Rhein vorgestellt. Das Buch befasst sich ausgehend von Interviews mit verschiedenen Bereichen der Bürgerrechtsarbeit und lässt dabei die Beteiligten der Bewegung und ihre Verbündeten selbst zu Wort kommen. Meilensteine des Kampfes um Anerkennung aus vier Jahrzehnten der in den 1970ern gegründeten Bewegung werden so auf anschauliche Weise dokumentiert. Das Buch schlägt einen Bogen von der Situation der Überlebenden des NS-Völkermords in der Nachkriegszeit bis zu Antiziganismus und der Bürgerrechtsarbeit heute.
In der Veranstaltung wurde ausgehend vom Buch an hand von Bildern ein Rückblick auf die Bürgerrechtsarbeit der letzten Jahrzehnte vorgenommen, aber auch der Frage nachgegangen, was man aus dem Rückblick für aktuelle und künftige Kämpfe mitnehmen kann.
Der Vortrag vom 11.5.2021 von Prof. Dr. Benjamin Ortmeyer über den Aufstand von Sinti und Roma in Auschwitz-Birkenau vor 77 Jahren kann hier ebenso wie das Grußwort von Jochen Partsch, Oberbürgermeister der Wissenschaftsstadt Darmstadt, noch nachträglich geschaut werden.
Außerdem gibt es hier, auch die Präsentation zum Vortrag von Herrn Ortmeyer.
Wir freuen uns sehr, dass die Hessische Landesregierung Vili Viorel Păun für seinen selbstlosen Einsatz beim Anschlag von 19. Februar 2020 in Hanau nun posthum die Hessische Medaille für Zivilcourage verleiht.
In der Nacht des 19. Februar wurde Vili Viorel Păun Zeuge des ersten Anschlags. Daraufhin verfolgte er den Täter selbst und versuchte mehrere Male den polizeilichen Notruf zu erreichen. Dieser war jedoch unterbesetzt und Vili Viorel Păun konnte niemanden erreichen. Am zweiten Anschlagsort wurde er vom Täter in seinem Auto ermordet.
Diese Entscheidung ist eine Anerkennung für Vili Viorel Păuns Zivilcourage und seinen Versuch Menschenleben zu retten, obwohl es ihn selbst in Gefahr brachte. Es ist aber ebenso ein bedeutendes und notwendiges Signal gegen rechten Terrorismus in Hessen.
Der Hessische Landesverband führte im August 2020 ein Interview mit den Eltern von Vili Viorel Păun über ihren Sohn und sein Leben. Zum Interview.
Am 11. April 1945 befreiten US-Truppen das Konzentrationslager Buchenwald. Auch Heinz Strauß wurde in einem der dortigen Außenlager befreit.
Im Interview berichtet Heinz Strauß (*1925) von seiner Zeit in seiner Heimatstadt Cölbe, bei Marburg und wie seine Familie noch vor der Deportation gewarnt wurde, ohne Papiere allerdings keine Chance sah, zu entkommen. Und so wurde die Familie nach Marburg gebracht, von wo sie mit anderen Sinti am 23. März 1943 über Kassel nach Auschwitz deportiert wurde. Hier erfolgte die erste Selektion, wer zu gebrechlich war, kam ins Gas — aber das wusste Heinz Strauß zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Er wurde von seinen Eltern getrennt und musste im Hauptlager in Auschwitz Zwangsarbeit leisten. Er musste miterleben, wie sein Bruder ermordet wurde. Er selbst wurde nach Buchenwald verlegt und von hier weiter in verschiedene Außenlager. Im Interview berichtet er, wie er in Mittelbau-Dora als Mauerer arbeiten musste und von der SS so furchtbar verprügelt wurde, dass er in den Krankenblock eingeliefert wurde. Heinz Strauß kam u.a. auch in das Lager Ellrich, wo er für kurze Zeit seinen Vater wieder traf. Er war so abgemagert, dass er ihn zuerst nicht wiedererkannte und umgekehrt, konnte auch sein Vater ihn nicht erkennen. Sie wurden wieder getrennt, weil Heinz Strauß in ein anderes Lager kam, aber beide überlebten. Seine Mutter, sein Bruder, drei Schwestern, zwei Nichten, ein Neffe und zahlreiche Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen aber wurden ermordet.