Bestattungskultur von Sinti und Roma: Vortrag am Friedhof in Hanau

Am 16.10. hielt Fati­ma Stieb gab als Ver­tre­te­rin des Lan­des­ver­ban­des beim Fried­hof in Hanau einen Vor­trag zum The­ma “Die Bestat­tungs­kul­tur der Sin­ti und Roma”. Sie mach­te hier­bei auf die Unter­schie­de, aber auch die Gemein­sam­kei­ten in den Bestat­tungs­kul­tu­ren der Sin­ti und Roma aufmerksam. 

Sie mach­te hier­bei deut­lich, dass die Gemein­sam­kei­ten ins­be­son­de­re aus der gemein­sa­men Aus­gren­zungs- und Dis­kri­mi­nie­rungs­er­fah­rung erklär­bar sind. Hier­bei zeigt sich, dass Gemein­schaft im Abschied oder auch in einer gemein­sa­men Gruft für vie­le eine zen­tra­le Rol­le spielen.

Beson­ders rele­vant für vie­le Sin­ti und Roma ist auch die soge­nann­te “ewi­ge Ruhe”, wel­che die Grab­stät­ten von Über­le­ben­den des Natio­nal­so­zia­lis­mus unter beson­de­ren dau­er­haf­ten Schutz stellt. Vie­le Über­le­ben­den konn­ten sich von ihren im Natio­nal­so­zia­lis­mus ermor­de­ten Ver­wand­ten nicht ver­ab­schie­den. Dadurch erhiel­ten die Grä­ber der Über­le­ben­den für die Min­der­heit eine beson­de­re Rol­le des Geden­kens an alle ver­folg­ten Sin­ti und Roma. Eine ers­te Rege­lung für Hes­sen wur­de 2016 ein­ge­führt. Im Dezem­ber 2018 folg­te schließ­lich die bun­des­wei­te “Bund-Län­der-Ver­ord­nung”.

3. Eberstädter Schulprojekttage erfolgreich beendet

Auch in die­sem Jahr ver­an­stal­te­te das Eber­städ­ter Bünd­nis gegen Anti­zi­ga­nis­mus das drit­te Mal in Fol­ge die Eber­städ­ter Schul­pro­jekt­ta­ge gegen Anti­zi­ga­nis­mus in Darm­stadt Eberstadt.

Vom 27.–29. Sep­tem­ber war die Aus­stel­lung im Ernst-Lud­wig-Saal zu sehen und wur­de mit einem viel­fäl­ti­gen Pro­gramm beglei­tet. In die­ser Zeit war die Aus­stel­lung für Schul­klas­sen und Inter­es­sier­te Eberstädter*innen geöffnet. 

Eine Beson­der­heit der Aus­stel­lung war es, dass hier­bei erst­mals die neu­en Audio­gui­des des Lan­des­ver­ban­des prä­sen­tiert wer­den konn­ten. Die­se ermög­lich­ten es mit Abstand und Kon­takt­be­schrän­kun­gen indi­vi­du­el­le Füh­run­gen durch die Aus­stel­lung zu erhalten.

Zusätz­lich zur Aus­stel­lung wur­de noch eine Fort­bil­dung für Lehr­kräf­te und eine Buch­vor­stel­lung des Buches “Kampf um Aner­ken­nung” von Mal­te Clau­sen und Rinal­do Strauß orga­ni­siert. Hier­bei ent­stan­den span­nen­de Dis­kus­sio­nen und wich­ti­ge Aus­tausch­mög­lich­kei­ten zum The­ma Antiziganismus.

Die Fort­bil­dung gestal­te­te sich in zwei Berei­che. Einer­seits wur­de die Bil­dungs­si­tua­ti­on der Min­der­heit und die Erleb­nis­se von Sin­ti in Schu­len bespro­chen und ande­rer­seits aber auch Mög­lich­kei­ten der Ein­bin­dung des The­mas in den Unter­richt vor­ge­stellt. Hier­bei prä­sen­tier­te die Geschichts­werk­statt der Bert­hold-Brecht-Schu­le den aktu­el­len Stand ihres For­schungs­pro­jek­tes zu den Bio­gra­phien von Darm­städ­ter Sin­ti im Nationalsozialismus. 

Wie Zigeunerbilder einen Völkermord möglich machen” — Vortrag von Rinaldo Strauß in Breuberg i.Odw.

Im Rah­men der Inter­kul­tu­rel­len Wochen des Oden­wald­krei­ses war Rinal­do Strauß, stv. Geschäfts­füh­rer des Hes­si­schen Lan­des­ver­ban­des Deut­scher Sin­ti und Roma am 28.09. an der Georg Acker­mann Schu­le in Breu­berg im Oden­wald zu einem digi­ta­len Vor­trag als Ver­nis­sa­ge der Aus­stel­lung “Der Weg der Sin­ti und Roma” eingeladen. 

»Der Weg der Sin­ti und Roma« zeigt die Geschich­te der Min­der­heit seit ihrer Ankunft im deutsch­spra­chi­gen Raum vor über 600 Jah­ren. Sie the­ma­ti­siert die Wir­kung von Bil­dern und Zuschrei­bun­gen gegen Sin­ti und Roma vom 15. bis zum 20. Jahr­hun­dert, die Ver­fol­gun­gen und Dis­kri­mi­nie­run­gen bis zum Völ­ker­mord wäh­rend des Natio­nal­so­zia­lis­mus,
die Kon­ti­nui­tä­ten der Bil­der in der Nach­kriegs­zeit und nicht zuletzt den Kampf gegen den Anti­zi­ga­nis­mus durch die Selbst­or­ga­ni­sa­tio­nen der deut­schen Sin­ti und Roma seit 1980. Dabei wer­den die Erfol­ge der Bür­ger­rechts­ar­beit eben­so dar­ge­stellt wie die mas­si­ve Ableh­nung durch einen gro­ßen Teil der bun­des­re­pu­bli­ka­ni­schen Bevölkerung.

Die Aus­stel­lung war vom 27.09 bis zum 04.10.2021 in der Aula der Georg Acker­mann Schu­le im Breu­berg i.Odw. zu sehen. In die­ser Zeit wur­den auch meh­re­re Füh­run­gen mit Schul­klas­sen durch die Aus­stel­lung durchgeführt.

Gedenken an die Deportation von Jüdinnen und Juden aus Darmstadt

Am 26. Sep­tem­ber nah­men Roma­no und Maria Strauß als Ver­tre­ter und Ver­tre­te­rin­nen des Hes­si­schen Lan­des­ver­ban­des an der gemein­sa­men Gedenk­stun­de zum Jah­res­tag der Depor­ta­ti­on der Darm­städ­ter Jüdin­nen und Juden am Güter­bahn­hof teil. 

Der Ober­bür­ger­meis­ter Jochen Partsch eröff­ne­te die Ver­an­stal­tung. Als Ver­tre­ter der jüdi­schen Gemein­de sprach Dani­el Neu­mann, Vor­sit­zen­der der jüdi­schen Gemein­de Darmstadt.

Dar­über hin­aus boten Teilnehmer*innen des Archiv-Pro­jek­tes der Bert­hold-Brecht-Schu­le zu Bio­gra­phien von Darm­städ­ter Sin­ti im Natio­nal­so­zia­lis­mus einen Ein­blick in Ihre Recherchen.

Maria Strauß, Nich­te der im März 1943 aus Darm­stadt depor­tier­ten und über­le­ben­den Alwi­ne Keck, geb. Adam, hielt für den Lan­des­ver­band ein Gruß­wort. Die­ses kön­nen Sie auch noch­mal nachhören:

Vortrag bei Wirtschaftsjunioren Offenbach

Der Hes­si­sche Lan­des­ver­band war am 21.09. bei den Wirt­schafts­ju­nio­ren Offen­bach zu einem digi­ta­len Vor­trag unter dem Titel: “Let’s talk about: Anti­zi­ga­nis­mus” ein­ge­la­den. Rinal­do Strauß gab einen Ein­blick in die Geschich­te des Anti­zi­ga­nis­mus und wie er sich auch heu­te noch in der Arbeits­welt für Sin­ti und Roma auswirkt.

Denn auch heu­te noch bekom­men Sin­ti und Roma schwie­ri­ger einen Arbeits­platz oder ste­hen in Gefahr ihren Arbiets­platz zu ver­lie­ren, falls ihre Zuge­hö­rig­keit zur Min­der­heit bekannt wird. Aus die­sem Grund ent­schei­den sich vie­le für die Anonymität.

Zeitzeugen im Gespräch VIII: Anna Böhmer

Anna Böh­mer, gebo­ren 1926 in Als­feld, leb­te in Darm­stadt und Frank­furt. 1940 wur­de sie mit ihrer Fami­lie in das Frank­fur­ter Inter­nie­rungs­la­ger “Krupp­stra­ße” gebracht. Sie berich­tet über die Bedin­gun­gen dort und die Zwangs­ar­beit in einer Frank­fur­ter Wein­hand­lung.
Im März 1943 depor­tier­ten die Nazis sie und ihre Fami­lie nach Ausch­witz. Ihre Eltern, Geschwis­ter und Groß­el­tern wur­den ermor­det und auch ihre vie­len Onkel und Tan­ten. Sie über­leb­te als ein­zi­ge. Von Ausch­witz wur­de sie kurz vor Kriegs­en­de noch nach Ravens­brück und Wit­ten­berg an der Elbe gebracht, wo sie bis zur Befrei­ung Zwangs­ar­beit in einer Muni­ti­ons­fa­brik ver­rich­ten musste.

Das Video gibt Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen zu den Frank­fur­ter Inter­nie­rungs­la­gern und den Schwie­rig­kei­ten des Kamp­fes um Ent­schä­di­gung. Anna Böh­mers Antrag auf Ent­schä­di­gung an Scha­den an Gesund­heit wur­de zunächst — wie in vie­len ande­ren Fäl­len — abge­lehnt. Erst 1989 konn­te durch einen Über­prü­fungs­an­trag des Zen­tral­ra­tes Deut­scher Sin­ti und Roma ein Ver­gleich erkämpft werden.

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Bad Zwesten: Vortrag, Film und angeregte Diskussion

Nach­dem ein Cam­ping­platz in Bad Zwes­ten in den Som­mer­fe­ri­en für Schlag­zei­len in der Pres­se gesorgt hat­te, weil er Sin­ti, die dort Urlaub machen woll­te, vom Platz ver­wies, lud die Stadt Bad Zwes­ten am 13.9.2021 den Hes­si­schen Lan­des­ver­band Deut­scher Sin­ti und Roma ein, um über Anti­zi­ga­nis­mus zu infor­mie­ren und über die Dis­kri­mi­nie­run­gen, denen Ange­hö­ri­ge der Min­der­heit im All­tag aus­ge­setzt sind, zu berichten.

Rinal­do Strauß, der stell­ver­tre­ten­de Geschäfts­füh­rer des Hes­si­schen Lan­des­ver­bands Deut­scher Sin­ti und Roma, refe­rier­te über Geschich­te und Aus­wir­kun­gen des Anti­zi­ga­nis­mus, denn die Geschich­te von Sin­ti und Roma in Deutsch­land und Euro­pa ist eng mit der jahr­hun­der­te­lan­gen Dis­kri­mi­nie­rung ver­knüpft, die im natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Völ­ker­mord gip­fel­te. Aus­ge­hend von den Ver­bre­chen rich­te­te Herr Strauß den Blick auf die Nach­wir­kun­gen und die fort­ge­setz­te Dis­kri­mi­nie­rung nach 1945 und schlug den Bogen bis zu aktu­el­len Benach­tei­li­gun­gen auf dem Woh­nungs- oder Arbeits­markt und im Bildungsbereich.

Im Anschluss an den Vor­trag wur­de der Film „All­tags­dis­kri­mi­nie­rung“ gezeigt, in dem Ange­hö­ri­ge der natio­na­len Min­der­heit der Sin­ti und Roma zu Wort kom­men. Sie spre­chen über ihre Erfah­run­gen mit Dis­kri­mi­nie­rung in All­tag, Schu­le und Berufs­le­ben und schil­dern ihren Umgang damit. Für das anschlie­ßen­de Gespräch war neben Rinal­do Strauß auch Fati­ma Stieb als Prot­ago­nis­tin des Films anwe­send. Mit den cir­ca 35 anwe­sen­den inter­es­sier­ten Gäs­ten ent­wi­ckel­te sich eine ange­reg­te Dis­kus­si­on, die zu einem gelun­ge­nen Abend beitrug.

Micha­el Köh­ler, der Bür­ger­meis­ter von Bad Zwes­ten und der Hes­si­sche Lan­des­ver­band ver­ein­bar­ten bereits, im kom­men­den Jahr gemein­sam wei­te­re Ver­an­stal­tun­gen fol­gen zu lassen.

Problematische Inschrift am Beerfelder Galgen soll entfernt werden

Auf einer Info­ta­fel am Beer­fel­der Gal­gen in der Stadt Ober­zent im Oden­wald wird behaup­tet, dass dort eine “Zigeu­ne­rin” als letz­te Per­son hin­ge­rich­tet wor­den sei. Der Lan­des­ver­band hat­te die Inschrift gegen­über der Stadt pro­ble­mat­siert, sowohl wegen der Ver­wen­dung des anti­zi­ga­nis­ti­schen Begriffs als auch auf­grund der feh­len­den Quel­len­la­ge. Die Stadt hat nach Prü­fung des Sach­ver­halts beschlos­sen, den ent­spre­chen­den Teil der Inschrift zu ent­fer­nen. Der Hes­si­sche Lan­des­ver­band begrüßt die­se Ent­schei­dung. Der Hes­si­sche Rund­funk berich­te­te am 16.08.2021: “Kri­tik an Info­ta­fel in Ober­zent — Stadt ent­fernt “Zigeunerin”-Inschrift von his­to­ri­schem Gal­gen”.

Zeitzeugen im Gespräch VII: Anna Schmidt

Anna Schmidt, geb. Stein wur­de am 06.06.1927 gebo­ren (verst. 19.03.2004) und wuchs in der Nähe von Mar­burg im Kreis Mar­burg Bie­den­kopf mit ihren Geschwis­tern auf. Ihren Eltern war eine gute Schul­bil­dung sehr wich­tig und sie för­der­ten Anna Schmidt in ihrer Bil­dung solan­ge es ging. Als Fami­lie Stein nach Ausch­witz depor­tiert wer­den soll­te, wur­de den Kin­dern auf­grund von Lun­gen­ent­zün­dung eine Trans­port­un­fä­hig­keit beschei­nigt. Dadurch wur­de Anna Schmidt mit ihrer Fami­lie in das Lager in der Frank­fur­ter Die­sel­stra­ße gebracht. Dort muss­te sie Zwangs­ar­beit leis­ten und erleb­te auch die Bom­ba­die­rung Frank­furts. Sin­ti und Roma war die Benut­zung der Bun­ker bei Bom­ben­an­grif­fen verboten.

Im Video wird auch der schwe­re Kampf um Ent­schä­di­gung the­ma­ti­siert. Hier­bei wird Anna Schmidts Antrag auf Ent­schä­di­gung zunächst in den meis­ten Punk­ten abge­lehnt. Erst 1989 gelang es durch einen Über­prü­fungs­an­trag des Hes­si­schen Lan­des­ver­ban­des eine Ent­schä­di­gung für Frau Anna Schmidt zu erkämp­fen. In die­sem Antrag wur­de kri­ti­siert, dass die Gut­ach­ter selbst Haupt­ver­ant­wort­li­che für das Frank­fur­ter Lager in der Die­sel­stra­ße gewe­sen waren und aus die­sem Grund das Gut­ach­ten nicht belast­bar sei. Es konn­te ein Ver­gleich geschlos­sen werden.

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Entschuldigung für diskriminierendes Verhalten“

Wald­cam­ping­platz Bad Zwes­ten ent­schul­digt sich bei Familie

Am 11.08.2021, sechs Tage nach­dem vier Fami­li­en vom Wald­cam­ping­platz Bad Zwes­ten mit der Begrün­dung, dass „Sin­ti und Roma auf die­sem Cam­ping­platz nicht erwünscht“ sei­en, des Plat­zes ver­wie­sen wur­den, erfolg­te die schrift­li­che Ent­schul­di­gung sei­tens des Vor­stan­des des Cam­ping­clubs Kassel.

In dem Schrei­ben heißt es: „Wir ent­schul­di­gen uns auf­rich­tig für das Vor­ge­fal­le­ne bei der Fami­lie Unger und dar­über hin­aus auch bei Ihnen und bei den durch Sie reprä­sen­tier­ten Sin­ti und Roma!“ Dar­über hin­aus wur­de der anti­zi­ga­nis­ti­sche Vor­stands­be­schluss unmit­tel­bar auf­ge­ho­ben und in Zukunft wer­de im Vor­feld geprüft, dass von Vor­ga­ben und Wei­sun­gen kei­ne dis­kri­mi­nie­ren­de Wir­kung ausgehe.

Für eine Ent­schul­di­gung bedarf es neben der Ein­sicht für das eige­ne Fehl­ver­hal­ten auch der Auf­rich­tig­keit, das gegen­über den betrof­fe­nen Fami­li­en in aller Öffent­lich­keit zuzu­ge­ben“, bemerkt Adam Strauß, der die Ent­schul­di­gung des Vor­stan­des sehr begrüßt.

Der Hes­si­sche Lan­des­ver­band bedankt sich herz­lich bei allen Mitstreiter*innen für die soli­da­ri­sche Unter­stüt­zung und blickt ange­sichts des erfah­re­nen Enga­ge­ments hoff­nungs­voll in die Zukunft. Eine funk­tio­nie­ren­de Demo­kra­tie braucht ver­läss­li­che Bündnispartner*innen, die sich für Gerech­tig­keit und gegen Dis­kri­mi­nie­rung einsetzen.